Narzissmus

Einige von uns haben den Begriff sicher schon einmal in den Mund genommen: „Narzisst“. Damit betiteln wir jemanden, der sich arrogant und selbstverliebt verhält. Doch was verbirgt sich tatsächlich hinter dieser Bezeichnung? Steckt in jedem ein kleiner Narzisst oder ist es immer eine behandlungsbedürftige psychische Störung? Woran erkennst du einen Narzissten und wie gehst du mit ihm um? Antworten auf diese und weitere Fragen findest du hier.

Die Legende von Narziss

Die bekannteste Legende um den mythischen Narziss entstammt Ovids Metamorphosen. In dieser verschmäht der Jüngling Narziss all seine LiebhaberInnen. Deswegen verflucht ihn eine Göttin, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. Fortan kann er sein Liebesobjekt zwar betrachten, ihm aber nie nahekommen. Letzten Endes stirbt er an dieser unerfüllten Liebe. An der Stelle seines leblosen Körpers bleibt eine Blume, die Narzisse, zurück.

In der Moderne nahmen sich allen voran die Psychoanalytiker dem Schicksal des Narziss an. Sigmund Freud machte den Narzissmus als ein psychisches Problem bekannt. Noch heute gilt er in psychotherapeutischen Kreisen als ernst zu nehmende Persönlichkeitsstörung.

Parallel hat der Begriff „Narzisst“ Einzug in die Alltagssprache gehalten. Das kommt nicht von ungefähr, da narzisstische Züge auch bei psychisch gesunden Personen zu beobachten sind. Dennoch wird die argwöhnische Bezeichnung im Alltag unpräzise wie auch inflationär verwendet. Eine gewisse Selbstliebe ist nämlich unerlässlich, um in den Widrigkeiten des Alltags zu bestehen. Die Frage ist, wo die gesunde Selbstliebe endet und der krankhafte Narzissmus beginnt.

Zwischen psychischer Störung und gewöhnlichem Charakterzug

Zwischen ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl und eine narzisstische Störung passt nicht mal ein Blatt. Hat jemand eine bedeutende Rolle inne, trägt viel Verantwortung und meistert seine Aufgaben mit Bravour, erscheint ein hoher Selbstwert nachvollziehbar. Kaum jemand käme auf die Idee, diesem Menschen Selbstüberhöhung nachzusagen. Eine andere Person hingegen mag im Leben noch wenig geleistet haben, lebt möglicherweise auf Kosten anderer und verbringt den Tag zwischen Bett und Sofa. Wenn diese Person sich für herausragend halten würde und sich selbst geradezu übermenschliches Potenzial zuspräche, läge durchaus der Verdacht auf ein psychisches Problem nahe.

Das bedeutet aber auch: Narzissten fallen in gewissen gesellschaftlichen Positionen weniger auf als in anderen. Gemein ist ihnen jedoch, dass sie sich selbst für wichtiger halten, als dies Personen in ihrem Umkreis tun. Sie sehen sich selbst tendenziell im Recht und ignorieren die Bedürfnisse anderer. Doch sehen wir uns die Symptome der narzisstischen Persönlichkeitsstörung einmal genauer an!

„Ich bin der Beste!“

Narzissten fallen aufgrund ihres ausgeprägten Egoismus auf. Sie nehmen sich selbst als eine grandiose Person mit großartigen Fähigkeiten wahr. Mit einer gegenteiligen Ansicht kommen sie schlecht klar. Im Zweifelsfall halten sie ihr Gegenüber für unfähig, ihr wahres Genie zu erkennen. Sie glauben außerdem, dass in erster Linie Personen von hohem gesellschaftlichen Rang und mit überdurchschnittlichen intellektuellen Fähigkeiten ihre wahre Größe erkennen.

Narzissten suchen und finden immer wieder die nötige Bestätigung für ihr außergewöhnliches Selbstkonzept. Dafür nehmen sie bevorzugt die Reaktionen ihrer Umwelt wahr, die ihnen angemessen erscheinen. Widerspruch oder Kritik blenden Sie bestmöglich aus. Mit Misserfolgen können sie schlecht umgehen und reagieren darauf vorrangig wütend. Manche Experten vermuten bei Narzissten hinter der hochnäsigen Fassade ein Gefühl von innerer Leere. Diese gilt es mit dem überzogen selbstbewussten Verhalten zu überdecken.

Zwischenmenschliche Probleme

Narzissten tun sich mit jeglicher Art von zwischenmenschlicher Beziehung schwer. Wenn sie überhaupt Freundschaften pflegen, tun sie dies vermehrt auf eher oberflächliche Art und Weise. Dabei leiden ihre Beziehungen unter ihrer ausgeprägten Arroganz. Narzissten sind selbst schnell neidisch, unterstellen diese Attitüde aber gerne ihrem Gegenüber. Sie schreiben dann anderen Menschen gehäuft negative Eigenschaften zu. Der Sinn in Freundschaften besteht für sie darin, aus ihnen Vorteile zu ziehen. Dabei stellen sie hohe Ansprüche an ihre Mitmenschen, sind aber selbst kaum zu Gegenleistungen bereit.

Ein weiteres Problem von Narzissten im Zusammenhang mit ihrem Sozialverhalten ist ihr mangelndes Einfühlungsvermögen. Dieses Phänomen der verminderten Empathiefähigkeit konnten Forscher inzwischen in Form einer verringerten Aktivität in bestimmten Gehirnarealen bestätigen. Da Narzissten oft nur schwer nachvollziehen können, wie es anderen Personen geht, können sie die Auswirkungen ihres eigenen Verhaltens nur schwer abschätzen.

Wusstest du schon?

dass sich viele Figuren der griechischen Mythen in unserem modernen Sprachgebrauch wiederfinden? Narziss ist die Blaupause für den selbstverliebten Egoisten. Echo war eine seiner unerhörten Anbeterinnen. Weiterhin ist Ödipus bekannt, der sich in seine eigene Mutter verliebte. Sisyphus war dazu verdammt, einen Felsblock auf eine Bergspitze zu rollen, verlor diesen aber stets kurz vor seinem Ziel. Europa war die Geliebte von Zeus und Hades warf ein Auge auf Minthe, die schließlich von Persephone in ein duftendes Kraut verwandelt wurde. Das alles sind nur einige wenige Beispiele.]

Wie wird jemand zum Narzissten?

Es gibt die Theorie, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung aus einer problematischen Eltern-Kind-Beziehung resultiert. So sollen Narzissten bereits in frühester Kindheit kaum Liebe und Wertschätzung durch ihre Bezugspersonen erfahren haben. Das Kind diene den Eltern vielmehr als Mittel zum Zweck, eigene Bedürfnisse zu befriedigen. Da das Kind nicht geliebt werde, könne es keine gesunde Selbstliebe entwickeln. Zur Kompensation erwachse aus diesem Defizit eine überhöhte Selbstliebe, die Psychologen als Narzissmus bezeichnen. Eine handfeste Bestätigung dieser These steht bislang noch aus.

Zu dieser Theorie gesellt sich die Erkenntnis, dass Narzissmus eine starke genetische Komponente aufweist. Es zeigt sich eine klare familiäre Häufung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Von allen zehn Persönlichkeitsstörungen, die im Diagnosemanual DSM V stehen, weist der Narzissmus die stärkste genetische Komponente auf.

Wie viele pathologische Narzissten gibt es in Deutschland?

Entgegen dem landläufigen Eindruck, wir wären von Narzissten umzingelt, gibt es davon tatsächlich nur wenige, die klinisch auffällig werden. Nur etwa eine von einhundert Personen erfüllt die Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Allerdings ist die Diagnose äußerst knifflig. Daher taucht Narzissmus auch nur in einem (DSM) der beiden in Deutschland gängigen Diagnosemanuale auf. Die WHO hat in ihrem Manual auf diese Kategorie verzichtet, da die narzisstische Persönlichkeitsstörung viele Überschneidungen mit anderen Persönlichkeitsstörungen aufweist.

Generell soll Narzissmus bei Männern häufiger vorkommen als bei Frauen. Diese These ist jedoch umstritten. Das Lebensalter steht in keinem Zusammenhang mit dem Auftreten der Störung, wobei Persönlichkeitsstörungen generell erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden dürfen. Gerne wird Personen des öffentlichen Lebens ein ausgeprägter narzisstischer Charakterzug unterstellt. Für Politiker wie auch Schauspieler und Sänger kann ein überhöhtes Selbstwertgefühl sogar von Vorteil sein.

Abstand wahren

Der Umgang mit Narzissten kann anstrengend sein. Diskussionen mit ihnen können sehr lange dauern und dann trotzdem ergebnislos verlaufen. Wenn du mit einem Narzissten zu tun hast,  kann ein dickes Fell hilfreich sein. Mit Ruhe, Nachsicht und Verständnis für die Probleme deines Gegenübers kommst du wahrscheinlich einigermaßen mit ihm zurecht. Leider ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung schwer zu erkennen. Es dauert eine Weile, bis sich der Verdacht aufdrängt. Je sicherer du dir bist, umso mehr solltest du im Umgang mit der betreffenden Person auf dich selbst und deine Gefühle achten.

Zur professionellen Psychotherapie gehen Narzissten selten aufgrund ihrer Persönlichkeitsstörung.  Anlass sind eher andere Probleme wie beispielsweise Depressionen, suizidale Krisen oder Sucht. Für den Erfolg einer Therapie ist es jedoch essenziell, die narzisstische Persönlichkeitsstörung im Hintergrund zu erkennen. Sie muss in den therapeutischen Prozess unbedingt mit einbezogen werden. Da Narzissten insgeheim recht empfindlich sind und auf Kritik ablehnend reagieren, brechen sie die Therapie im schlimmsten Fall sofort wieder ab.

Die Erfahrung zeigt, dass eine narzisstische Persönlichkeitsstörung große Chancen hat, sich bei angemessener Behandlung innerhalb von zwei Jahren zurückzubilden. Dabei reduziert sich die Symptomatik meist so weit, dass sie die Diagnosekriterien nicht mehr voll erfüllt. Im Idealfall lernt der Betroffene den Narzissmus zu lenken, statt wie bisher von ihm gelenkt zu werden.

Beim Thema Narzissmus unterscheiden Psychologen zwischen narzisstischen Charakterzügen und der pathologischen narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Der inflationäre Gebrauch der Bezeichnung „Narzisst“ bezieht sich vorrangig auf Ersteres. Tritt jemand arrogant auf, hält sich für etwas Besseres oder nimmt keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer, ist er per se jedoch nicht krank. Erst wenn viele dieser Verhaltensweisen zusammentreffen und der Narzissmus die Persönlichkeit in all ihren Facetten durchdringt, darf tatsächliche eine klinisch relevante Störung angenommen werden.

In der Laienliteratur taucht immer wieder eine Unterscheidung verschiedener Arten von Narzissmus auf. So sprechen manche Hobby-Psychologen von männlichem und weiblichem oder von passivem und aktivem Narzissmus. Andere differenzieren nach besonders auffälligen Eigenschaften wie beispielsweise Redseligkeit, Tyrannei oder Betrügerei. All diese Kategorien sind in der Wissenschaft allerdings nicht anerkannt. Hier gibt es lediglich den Narzissmus als klinisch unauffälligen Charakterzug auf der einen und die behandlungsbedürftige narzisstische Persönlichkeitsstörung auf der anderen Seite. Außerdem gilt es als gesichert, dass nicht jeder Betroffene seinen Narzissmus auf dieselbe Art und Weise nach außen trägt. Aus diesem Zusammenhang stammen die Begrifflichkeiten „offener“ und „verdeckter“ Narzissmus.

Es gibt zwei sich ergänzende Ansätze zur Entstehung von Narzissmus. Die klassische Theorie aus dem Bereich der psychodynamischen Theorien geht von einer problematischen Eltern-Kind-Beziehung aus. In dieser soll das Kind von klein auf keine Liebe durch seine Bezugspersonen erfahren. Stattdessen dient es zur Befriedigung der psychischen Bedürfnisse der Erwachsenen. Da normalerweise aus der Liebe der Eltern die gesunde Selbstliebe erwächst, kommt es hier zu einem Problem. Im Laufe der Zeit kompensiert das Kind diesen Mangel durch eine überzogene Selbstliebe, den Narzissmus.

Die moderne Wissenschaft geht zudem von einer starken genetischen Veranlagung aus. Im Wechselspiel mit der Umwelt kann diese zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung führen.

Mit einem Narzissten im herkömmlichen Sinne „umzugehen“ ist schwierig. Er dominiert die Beziehung, stellt Ansprüche und reagiert negativ auf deren Nicht-Erfüllung. Sein Gegenüber nimmt er vorrangig als Mittel zum Zweck wahr. Daher solltest du auf eine gewisse Distanz achten, wenn dir ein Mensch in deiner Umgebung als Narzisst erscheint. Im Privatleben ist das sicherlich leichter möglich als im Beruf. Im Arbeitsleben verhältst du dich einem Narzissten gegenüber idealerweise ganz sachlich. Mach dir bei jedem Gespräch bewusst, wie diese Person „tickt“. Nimm dir daher negative Dinge, die sie sagt, nicht allzu sehr zu Herzen. Die Loslösung aus einer Liebesbeziehung mit einem Narzissten ist ziemlich kompliziert. Hier bedarf es guter Unterstützung von Außenstehenden, um den Absprung zu vollziehen.

Grundsätzlich ist der Umgang mit einem Narzissten problematisch. So ist auch die Interaktion in der therapeutischen Beziehung kritisch zu betrachten. Leicht fühlt sich der Narzisst zu Unrecht kritisiert oder unverstanden. In diesem Fall bricht er die Behandlung ab. Hält der Narzisst jedoch durch, ist seine Chance auf Besserung über einen Zeitraum von zwei Jahren recht hoch. Im therapeutischen Kontext übt der Patient vor allem Einfühlungsvermögen und alternative Strategien zur Selbstwerterhaltung ein. Somit wird sein Verhalten allmählich sozialverträglicher. Eine 180°-Wende ist unrealistisch.

Fazit

Der Begriff „Narzissmus“ leitet sich von der antiken griechischen Sage um den Jüngling Narziss ab. Heute ist die Verwendung der Bezeichnung „Narzisst“ geradezu inflationär. Die klinisch bedeutsame narzisstische Persönlichkeitsstörung kommt allerdings bei weniger als 1 % der Erwachsenen vor. Betroffene halten sich für überragend und schätzen die eigenen Fähigkeiten deutlich höher ein, als Außenstehende es tun. Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen sind kompliziert, da sie zu arrogantem Verhalten neigen. Ihr Gegenüber ist für sie vorrangig Mittel zum Zweck. Die Gefühle anderer Menschen können sie außerdem nur schwer nachvollziehen. Die Ursachen für Narzissmus suchen Forscher sowohl in Kindheitserlebnissen als auch in den Genen. Im Umgang mit Narzissten hat sich eine sachliche Haltung bewährt. In der Therapie gelten sie als besonders schwierige Fälle, haben aber durchaus Chancen, ihr Leiden einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Quellen

Davison, Neale und Hautzinger: Klinische Psychologie, 7. Auflage, Beltz PVU, Weinheim 2007.
https://youtu.be/NadX0cfWMus
https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/psychische-st%C3%B6rungen/pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rungen/pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rungen-im-%C3%BCberblick
https://www.psychosoziale-gesundheit.net/pdf/faust1_narzissmus.pdf
https://youtu.be/PUer3BpO1fA

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