Bipolare Störung

Was würdest du denken, wenn dein Bekannter plötzlich seinen Job als Bürokaufmann kündigt, sich eine Scheune für seine fünf neuen Oldtimer mietet und von nun an sein Geld mit der Restaurierung alter Autos verdienen möchte? Du würdest ihn vermutlich für verrückt erklären. Damit könntest du gewissermaßen recht haben. Denn genau diesem Klischee entsprechen Personen, die gerade eine manische Phase durchleben.

Ein Leben zwischen Höhen und Tiefen

Die Manie ein Pol der bipolaren Störung. Der Gegenpol ist die Depression. Es handelt sich hier um eine sogenannte „affektive Störung“, da vorrangig das emotionale Empfinden beeinträchtigt ist. Die beiden entgegengesetzten Stimmungslagen treten abwechselnd über individuell unterschiedlich lange Zeiträume auf.

Zwischen den manischen und depressiven Episoden gibt es Phasen, in denen die Betroffenen symptomfrei leben. Ihre Stimmung ist dann so konstant wie bei dir und mir. Wie lange diese Symptomfreiheit andauert, ist individuell sehr unterschiedlich. Von wenigen Tagen bis zu mehreren Jahren ist alles möglich. Zudem verändert sich der Rhythmus im Laufe der Erkrankung. Die manischen Phasen sind jedoch stets kürzer als die depressiven. Inzwischen drängt sich dir sicherlich die Frage auf, wie diese manischen und depressiven Episoden eigentlich aussehen. Zum Beispiel so:

Mir gehört die Welt!

Etwa ein Drittel der Betroffenen erleben in manischen Phasen ein Gefühl großer Euphorie. Bei den übrigen zwei Drittel wird das hohe Aktivitätsniveau von Gereiztheit begleitet. Manische Personen erkennst du an ihrem großen Rededrang, ihren sich überschlagenden Ideen und ihrem verhältnismäßig geringen Bedürfnis zu schlafen. Am liebsten würden sie alles auf einmal und sofort machen. Sie sind in beruflicher, sozialer und sexueller Hinsicht extrem aktiv. Sie glauben, besondere Talente oder Kräfte zu besitzen. Auf die Idee, dass bestimmte Taten negative Konsequenzen nach sich ziehen könnten, kommen sie nicht. Es ist ihnen zum Beispiel nicht klar, dass sie die Schulden vom Kauf eines Oldtimers nicht werden abbezahlen können.

Neben der klassischen Manie mit voller Ausprägung der Symptome gibt es die sogenannte „Hypomanie“. Bei ihr sind die Anzeichen er Manie weniger stark ausgeprägt.

Ich bin doch nichts wert...

Die Depression ist das absolute Gegenteil der Manie. Dem Betroffenen geht es einfach nur mies. Er ist traurig, fühlt sich nutzlos und möchte sich womöglich das Leben nehmen. Nichts bereitet ihm mehr Freude. Dinge, für die er sich sonst interessiert hat, sind ihm egal. Sich zu konzentrieren oder nachzudenken ist dann extrem anstrengend, weshalb der Betroffene kaum in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen. Er kann sich zu nichts aufraffen und ist ständig müde. Trotzdem schläft er wenig. Während einer depressiven Episode kann der Appetit zurückgehen. Er kann aber ebenso völlig über die Stränge schlagen. Dementsprechend kommt es zu Gewichtsschwankungen. Betroffene machen sich außerdem ständig Vorwürfe wegen Kleinigkeiten, fühlen sich schuldig und wertlos.

Personen mit einer bipolaren Störung erleben mitunter „gemischte“ Phasen. Dabei treten manische und depressive Symptome zusammen auf. Das kann besonders fatale Folgen haben, wenn ein negatives Selbstbild mit gesteigerter Aktivität zusammentrifft. Dann ist die Selbstmordgefahr besonders hoch.

Der Hang zu Extremen

Wenn dir jemand, den du nicht sehr gut kennst, während seiner manischen Phase begegnen würde, kämst du vermutlich nicht auf die Idee einer psychischen Störung. Jemand, der so aktiv und lebendig ist, kann doch nicht krank sein. In der depressiven Phase ziehen Betroffene sich zurück. Daher begegnen sie kaum jemandem, der ihre schlechte Stimmung bemerken könnte. Lediglich die Familie oder enge Freunde haben eine Chance, die Depression mitzubekommen.

Häufig wird die bipolare Störung auch mit anderen psychischen Erkrankungen verwechselt. So neigen rund zwei Drittel der Betroffenen zu Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch. Dies ist dann oft die primäre Diagnose, wenn sie in eine Psychiatrie gebracht werden. Die extremen Gefühle begünstigen außerdem ungewöhnliches Essverhalten. Mal essen Betroffene sehr viel, mal verweigern sie fast jegliches Essen. Auch Angst- und Panikattacken können vorkommen. All diese zusätzlichen Erscheinungen trüben den Blick von Außenstehenden auf das eigentliche Problem der affektiven Störung.

Die Konsequenzen des außergewöhnlichen Verhaltens während der depressiven wie auch der manischen Phasen sind oftmals gravierend: Das gesamte Leben der Betroffenen kann allmählich kaputt gehen. Sie zerstören zuweilen selbst ihre sozialen und familiären Beziehungen. Für Arbeitgeber sind sie über kurz oder lang meist nicht tragbar. Letztendlich begehen bis zur Hälfte der Betroffenen mindestens einen Suizidversuch. Bis zu ein Drittel bringen sich im Laufe ihrer Erkrankung tatsächlich um.

Ursachen und Beginn im jungen Erwachsenenalter

Die genauen Ursachen der bipolaren Störung sind noch nicht erschöpfend erforscht. Feststeht, dass es familiäre Häufungen gibt, weswegen eine genetische Komponente angenommen wird. Der Auslöser für die erste depressive oder manische Phase ist jedoch immer ein extremes Lebensereignis. Das kann starker Stress oder ein traumatisches Erlebnis sein. Bei den folgenden Phasen gibt es dann keine konkreten Ursachen. Bleibt die Störung unbehandelt, setzt sie sich häufig mit immer schneller aufeinander folgenden Phasen fort. Die symptomfreien Zwischenphasen werden dann zusehends kürzer.

Ungefähr ein bis zwei von einhundert Personen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer bipolaren Störung. Dabei erleben rund 75 % der Betroffenen ihre erste Episode vor dem 25. Lebensjahr. Im Rückblick erinnern sich die Patienten fast immer an erste Anzeichen von extremen Stimmungsschwankungen im Teenager-Alter. Dass eine Person über 40 neu an einer bipolaren Störung erkrankt, kommt nur sehr selten vor. Insgesamt sind Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen.

Therapie - wozu?

Der Umgang mit Personen, die an einer bipolaren Störung leiden, ist äußerst heikel. So fühlen sie sich in manischen Phasen nicht krank – ganz im Gegenteil. In depressiven Phasen fehlt ihnen tendenziell jede Motivation, etwas zu unternehmen. Sie glauben dann z.B., einer Therapie nicht würdig zu sein. In den symptomfreien Zwischenphasen haben sie dann tatsächlich keine Probleme. Zur Therapie zu motivieren, kann also sehr schwierig sein. Wenn du bei einem Freund eine bipolare Störung vermutest, musst du mit Fingerspitzengefühl und Geduld an ihn herantreten. Letztlich landen Betroffene eher wegen ihrer extremen Verhaltensweisen während eines manischen Schubs oder wegen eines Suizidversuchs in der Psychiatrie, als dass sie sich zu einer Therapie überreden lassen.

Die Therapie selbst ist ebenfalls kompliziert. Ziel ist es, weitere Episoden zu verhindern. Denn jede Phase erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es zu immer noch mehr manischen und depressiven Schwankungen kommt.

In der Therapie kommen sowohl Medikamente als auch klassische Psychotherapie zum Einsatz. Lithium hat sich für die Phasenprophylaxe gut bewährt. Allerdings schlägt es schnell auf die Nieren, weshalb ältere Patienten es nur mit großer Vorsicht einnehmen dürfen. Der Therapeut vermittelt dem Betroffenen außerdem möglichst viel Wissen rund um die bipolare Störung. Er muss lernen, sich selbst einzuschätzen und neuerliche Schübe frühzeitig zu erkennen. Angehörige bekommen im Idealfall ebenfalls eine Aufklärung zur Erkrankung und zum Umgang mit dem Betroffenen. Mithilfe von Entspannungstechniken soll vor allem ein besserer Schlaf erreicht werden. Die Erfolgsquote insgesamt ist durchwachsen: Ein Jahr nach einem stationären Aufenthalt erfüllt rund die Hälfte der Patienten das Krankheitsbild noch vollständig.

Die bipolare Störung weist eine klare genetische Komponente auf. Etwa die Hälfte der Erkrankten hat Familienangehörige, die ebenfalls unter einer bipolaren Störung leiden. Es ist nicht ein bestimmtes Gen, das ursächlich für diese psychische Erkrankung ist. Vielmehr gehen Experten von einem komplexen Genmuster aus, das noch nicht erschöpfend entschlüsselt ist. Bei den Betroffenen ist außerdem auf physiologischer Ebene ein veränderter Haushalt von Botenstoffen zu beobachten. Insbesondere vor dem Auftreten der ersten Stimmungsschwankung tritt meist ein besonderes Ereignis im Leben der Betroffenen auf. Das kann großer Stress oder auch ein traumatisches Erlebnis sein. Bei den folgenden Phasen sind solche Auslöser nicht mehr auszumachen.

Als Laie eine bipolare Störung zu erkennen, ist nahezu unmöglich. Bei Menschen, denen du selten begegnest, wirst du die Anzeichen höchstwahrscheinlich für einen auffälligen Charakterzug halten. Bei einer dir gut bekannten Person wird dir im Laufe der Zeit eventuell die extreme Spannweite der Emotionen auffallen. Mal ist der Betroffene über Wochen hinweg sehr still und zurückgezogen. Vielleicht siehst du ihn über zwei oder drei Monate gar nicht. Wenn ihr euch trefft, fallen dir seine große Nachdenklichkeit sowie ein Mangel an Antrieb auf. Ein halbes Jahr später wird sich dieselbe Person möglicherweise täglich mehrmals bei dir melden. Dabei sprudelt sie über vor Ideen und Tatendrang. Gleichzeitig ist sie aber auch leicht gereizt und reagiert selbst auf Kleinigkeiten extrem. Allein aufgrund dieses Wechsels der Stimmungen und des Verhaltens über Monate und Jahre hinweg könntest du Verdacht schöpfen.

Bei der medikamentösen Behandlung der bipolaren Störung werden stets zwei verschiedene Ziele verfolgt: Einerseits geht es um die Reduktion der akuten Symptomatik. Andererseits sollen weitere Episoden verhindert werden. Hierzu wird vor allem Lithium eingesetzt. Es ist das bekannteste Medikament, dass sowohl manische als auch depressive Symptome reduzieren kann. Zudem wirkt es antisuizidal. Falls Lithium beispielsweise aufgrund eines Nierenleidens kontraindiziert ist, verschreiben Psychiater als Alternative sogenannte Antikonvulsiva. Hierzu zählen Carbamazepin, Valproat und Lamotrigin. Während einer akuten Manie kommen außerdem Antipsychotika zum Einsatz. Für depressive Phasen kommt außerdem Quetiapin zum Einsatz. Eine klassische Behandlung mit Antidepressiva ist bei der bipolaren Störung nicht zu empfehlen, da die Patienten in die Manie switchen könnten.

Die einzelnen Episoden bei einer bipolaren Störung können sich über sehr unterschiedliche Zeiträume erstrecken. Depressive Phasen dauern im Durchschnitt drei bis sechs Monate an. Manische Phasen liegen bei ungefähr zwei bis vier Monaten. Auf individueller Ebene können diese Zeiträume ganz anders ausfallen. In der Regel hält die Manie jedoch weniger lang an als die Depression. Die Episoden selbst setzen sich aus akuter Krankheitsphase und Remission zusammen. In der akuten Phase sind die Symptome voll ausgebildet, während sie in der Remission allmählich zurückgehen.

Innerhalb der bipolaren Störung unterscheiden Psychologen verschiedene Typen. Bipolar I beschreibt dabei den klassischen Wechsel zwischen depressiven und manischen Phasen. Ein Patient aus der Gruppe Bipolar II schwankt hingegen zwischen Depression und Hypomanie. Das heißt, dass die manischen Symptome bei ihm nicht voll ausgeprägt sind. Es gibt außerdem noch das Phänomen der gemischten Phasen. Hier treten innerhalb von wenigen Stunden sowohl manische als auch depressive Symptome auf. Beim „rapid cycling“ kommt es hingegen zu einer relativ schnellen Folge von manischen und depressiven Episoden. Es treten mindestens vier klar voneinander getrennte Phasen innerhalb eines Jahres auf.

Fazit

Das Gefühlsleben von Personen, die unter einer bipolaren Störung leiden, schwankt zwischen zwei Extremen. Während einer manischen Phase fühlen sie sich energiegeladen, aktiv und euphorisch oder gereizt. Durchleben sie eine depressive Episode, sind sie niedergeschlagen, antriebslos und fühlen sich wertlos. Zwischen diesen extremen Stimmungslagen gibt es symptomfreie Zeiträume. Der genaue zeitliche Verlauf der Phasen ist individuell sehr unterschiedlich. Für Laien ist die Störung nur sehr schwer zu erkennen. Viele Betroffene neigen zu Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch, was für Außenstehende als dominante Störung erscheint. Typischerweise manifestiert sich die bipolare Störung zwischen dem 20. und dem 30. Lebensjahr. Das Selbstmordrisiko ist bei dieser psychischen Erkrankung sehr hoch. Dennoch nehmen die Betroffenen therapeutische Maßnahmen im Schnitt nur sehr schlecht an. Vorrangiges Ziel der Therapie ist es, mithilfe von Medikamenten und psychotherapeutischen Interventionen weiteren Phasen vorzubeugen.

Quellen

Davison, Neale und Hautzinger: Klinische Psychologie, 7. Auflage, Beltz PVU, Weinheim 2007.
https://psychiatrie.uniklinikumgraz.at/Lehre/psychologen/Documents/Vorlesung_bipolar_2018-2019.pdf
https://www.aerzteblatt.de/archiv/134322/Diagnostik-und-Therapie-bipolarer-Stoerungen
https://de.wikipedia.org/wiki/Bipolare_St%C3%B6rung
https://www.youtube.com/watch?v=8ti9XUQbABQ
https://dgbs.de/fileadmin/cust/dgbs-materialien/DGBS-Patientenbroschuere_2017.pdf
https://youtu.be/zg_JuRFg7tI

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