Asperger

2018 ist mit der „Fridays for Future“- Bewegung ein Mädchen mit Asperger-Syndrom weltberühmt geworden: Greta Thunberg. In den Medien ist kaum zu erkennen, dass sie unter einer neuronalen Entwicklungsstörung leidet. Nur wer genau hinsieht, kann die etwas befremdliche Mimik ausmachen. Ihre Diagnose erhielt Greta im Alter von 12 Jahren, als sie unter Depressionen und einer Essstörung litt. Wie du gleich erfahren wirst, ist Gretas Geschichte sowie ihr ausgeprägtes Interesse an einem bestimmten Thema – in diesem Fall dem Klimawandel - typisch für Asperger.

Asperger ist anders

Als Grenzfälle zwischen „normalen“ Menschen und solchen mit einer autistischen Störung sind Personen mit Asperger schwer zu erkennen. Sie weisen zwar bestimmte Eigenheiten auf, doch ordnet unsereiner diese spontan eher als bizarre Charakterzüge ein. Tatsächlich ist die Grenze zwischen dem, was unsere Gesellschaft als normal betrachtet, und dem, was Asperger-Autisten anders sein lässt, fließend. Daher wird diese Störung in über der Hälfte der Fälle erst im Erwachsenenalter festgestellt. Jedoch drängt die Andersartigkeit Asperger-Patienten ihr Leben lang in die Rolle eines Außenseiters. Doch was genau ist denn bei ihnen anders?

Wie unhöflich!

Man könnte sagen, Asperger ist eine Art sozialer Analphabetismus. Betroffene verstehen keine nonverbalen Signale wie Mimik, Gestik oder Tonfall. Sie können den emotionalen Zustand ihres Gesprächspartners nicht nachvollziehen. Empathische Reaktionen sind ihnen darum unmöglich. Aus diesem Grund wirken Asperger-Autisten auf ihr Umfeld unhöflich bis unverschämt.

Der Aufbau von Freundschaften oder Beziehungen ist unter diesen Umständen äußerst schwierig. Eine Chance auf besseres gegenseitiges Verständnis bringt erst die korrekte Diagnose mit sich. Sie stellt den Betroffenen und ihrer Umwelt dringend notwendige Informationen bereit. Manche Asperger-Patienten schaffen es dann sogar, ein soziales Netzwerk aufzubauen, eine feste Partnerschaft zu führen oder eine Familie zu gründen.

Wenn Details alles bedeuten

Wenn du einer Person mit Asperger begegnest, wird dir irgendwann ein seltsam anmutendes Verhalten auffallen. Das können sinnlos scheinende Bewegungsabläufe sein, die mit beharrlichem Eifer immer wieder ausgeführt werden. Beispielsweise zieht die betreffende Person immer erst den rechten und dann den linken Schuh an. Wenn du dieses Verhaltensmuster unterbindest, fällt für den Apserger-Autisten eine ganze Welt zusammen. Andere bizarre Verhaltensmuster betreffen die intensive Beschäftigung mit den immer gleichen Objekten, wie zum Beispiel Blumen, Puzzles oder Modellautos.

Was hier als auffällige Eigenart dargestellt wird, kann den Betroffenen aber auch zum Vorteil gereichen. Durch die Fixierung auf Details nehmen Asperger-Patienten Kleinigkeiten wahr, die dem Durchschnittsmenschen nicht auffallen. Das ausgeprägte Interesse an einer Sache kann sich sogar in einer hohen wissenschaftlichen Spezialkompetenz äußern. Personen mit Asperger haben vor allem für Naturwissenschaften ein gutes Gespür. Unter den internationalen Koryphäen in Informatik, Mathematik, Physik und verwandten Wissenschaften sind immer wieder Asperger-Autisten zu finden.

Von den Feinheiten der Sprache

Ein großer Unterschied zwischen frühkindlichem Autismus und Asperger besteht in den sprachlichen Fähigkeiten. Während Autisten nie oder nur schlecht sprechen lernen, verläuft die Sprachentwicklung bei Asperger-Autisten weitestgehend unauffällig. Betroffene Kinder können jedoch eine sehr erwachsene, teils pedantisch wirkende Ausdrucksweise an den Tag legen. Ihre spezielle Art der Betonung lässt dich aufhorchen.

Wenn es um ihr Lieblingsthema geht, reden Asperger-Autisten gerne ohne Unterlass. Der Redeschwall ist kaum zu lenken oder zu unterbrechen. Signale des Gesprächspartners, dass er zu einem anderen Thema wechseln möchte, ignoriert der Asperger-Autist. Doppeldeutigkeiten, rhetorische Fragen, Sarkasmus und Ironie sind ihm völlig unverständlich, weil er alles wortwörtlich nimmt. Sprichwörter muss er daher wie Vokabeln auswendig lernen.

Asperger oder kein Asperger?

Während ältere Diagnosemanuale noch verschiedene Ausprägungsgraden des Autismus kategorisch unterscheiden, sprechen neuere Auflagen nur noch von der „Autismus-Spektrum-Störung“. Das Asperger Syndrom liegt innerhalb dieses Spektrums ganz nah an der Grenze zum „Normalen“. Verschiedene autistische Eigenarten finden sich auch bei Menschen, die als psychisch gesund gelten. Andererseits gibt es Asperger-Autisten, die als solche kaum auffallen. Sie haben sich Strukturen geschaffen, innerhalb derer sie gut leben können. Da sie unter ihrem Anders-Sein nicht leiden, gehen sie nie zu einem Psychologen.

Du wirst dich also schwertun, eine Person mit egozentrischen Verhaltensweisen von einem Asperger-Autisten zu unterscheiden. Kinder mit Asperger werden zudem leichtfertig mit dem Label „ADHS“ versehen. Bei betroffenen Erwachsenen können sich die Symptome einer Angst- oder Zwangsstörung in den Vordergrund drängen.

Wer ist von Asperger betroffen?

Vielleicht kennst du selbst jemanden, auf den eines der Symptome, die wir oben beschrieben haben, zutrifft. Solange allerdings nicht mehrere der genannten Eigenarten gleichzeitig vorliegen und die Person dadurch in ihrer Lebensführung eingeschränkt ist, spricht nichts für eine neurologische Entwicklungsstörung mit Krankheitswert. Insgesamt wird Asperger sehr selten diagnostiziert. Weniger als 0,3 % aller Kinder in Deutschland bekommen diese Diagnose. Bei Erwachsenen steigt der Anteil auf etwa 1 %, wobei Experten davon ausgehen, dass 40 % aller Betroffenen nicht erkannt werden. Männer sind etwa zwei bis drei Mal so häufig betroffen wie Frauen.

Die Therapie von Asperger-Autisten

Obwohl Asperger theoretisch ab etwa drei Jahren erkennbar ist, wird er selten vor der Einschulung, oft erst im Erwachsenenalter bemerkt. Eine Heilung im eigentlichen Sinne gibt es aber auch dann nicht. Den Betroffenen bringt allerdings allein die Diagnose eine große Erleichterung, da ihre Andersartigkeit endlich einen Namen hat.

Im Rahmen einer Therapie werden vorrangig Alltagsprobleme bearbeitet. So lernen Asperger-Autisten zum Beispiel, Gesichter und Tonfälle bestimmten Emotionen zuzuordnen. Wenn keine funktionierende Tagesstruktur besteht, wird diese im Rahmen einer Therapie geplant und einstudiert. Asperger-Autisten kommen mit gleichbleibenden Routinen in einer beständigen Umgebung am besten zurecht. In schwierigen Fällen müssen außerdem psychische Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Zwangsstörungen behandelt werden.

Die neuronale Entwicklungsstörung Asperger bedeutet per se kein Leid für die Betroffenen. Sie können mit sich alleine ganz zufrieden sein. In ihrem selbstbestimmten Alltag mit festen Strukturen und Ritualen fühlen sie sich wohl. Zu Problemen kommt es vielmehr durch den Kontakt zu anderen Menschen. Das wird oft schon in der Kindheit augenfällig, da sich von Asperger betroffene Kinder eher zurückziehen und nur ungern kuscheln. Später sind es die nonverbalen Feinheiten, die ihnen Probleme bereiten. Ihre mangelnde Fähigkeit zu Empathie lässt sie rasch zu Außenseitern werden.

In der heutigen Welt ist Asperger allerdings immer mehr gesellschaftsfähig. Ihnen kommt die zunehmende Isolation der Menschen voneinander entgegen. Außerdem entsprechen die heutigen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation eher ihrem Naturell als das Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus, für den es schon kurz nach der Geburt erste Anzeichen gibt, kann Asperger nicht vor dem dritten Lebensjahr diagnostiziert werden. Da die Sprachentwicklung unauffällig verläuft, gibt es in diesem Bereich keine Anhaltspunkte. Die Auffälligkeiten sind subtil und weit gestreut. Kinder mit Asperger zeigen beispielsweise weniger Interesse an sozialer Interaktion, beschäftigen sich gerne alleine mit ihrem Spielzeug und haben eine weniger ausgeprägte Mimik als ihre Altersgenossen. Manche sind in ihrer motorischen Entwicklung etwas langsamer und fallen durch Ungeschicklichkeit auf. Kinder wie Erwachsene neigen außerdem zu Selbstgesprächen. Da die Betroffenen an ihren Auffälligkeiten nicht unbedingt leiden, wird die entsprechende Diagnose in über der Hälfte der Fälle erst im Erwachsenenalter gestellt. Der Beweggrund, eine Therapie aufzunehmen, ist auch dann eher eine andere psychische Erkrankung wie Depression, Zwangs- oder Angststörung.

Im Kontext des Asperger-Syndroms stößt du immer wieder auf den Ausdruck „Neurotypische“. Doch wer oder was ist damit gemeint? Bei dem Begriff selbst handelt es sich um einen Neologismus. Er wurde erfunden, um Menschen zu bezeichnen, deren neuronale Entwicklung innerhalb der Norm liegt. Neurotypische weisen also keine Auffälligkeiten in den Bereichen der Sprachentwicklung, der Intelligenz oder anderen kognitiven Fähigkeiten auf. Asperger-Autisten benutzen den Begriff gerne, um die Gruppe von Menschen zu bezeichnen, der sie sich nicht zugehörig fühlen. Sie selbst sind das Gegenteil von neurotypisch: Sie sind neurodivergent, da ihre neurologische Entwicklung von dem allgemeinen Durchschnitt abweicht.

Bis heute sind die genauen Ursachen für Asperger unbekannt. Experten gehen jedoch von einer vorrangig genetischen Veranlagung aus. Allerdings ist diese weit über das Genom gestreut und kann sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen. Aus dieser Vielfalt des genetischen „Defekts“ geht vermutlich die enorme Bandbreite an Varianten innerhalb des autistischen Spektrums hervor. Sicher ist, dass die Gehirnaktivitäten von Asperger- und anderen Autisten nachweislich von der Norm abweichen.

Die Grundvoraussetzung dafür, jemanden anzulügen, ist, seine Gedanken nachvollziehen zu können. Damit du einem Bekannten eine Lüge auftischen kannst, musst du dir beispielsweise sicher sein, dass er die Wahrheit nicht schon kennt. Außerdem musst du eine alternative Wahrheit erfinden, die für deinen Bekannten einen Sinn ergibt. Sonst glaubt er dir die Geschichte nicht. In der Regel verfolgt Lügen auch einen Zweck: Jemand darf die Wahrheit nicht erfahren, weil er sonst eine unerwünschte Reaktion zeigen würde, sich zum Beispiel aufregt. Ein Asperger-Autist kann die Gedankenwelt seiner Mitmenschen allerdings nicht nachvollziehen. Er kann sich nicht erklären, was sein Gegenüber weiß oder wie er auf eine bestimmte Information reagieren wird. Daher fällt es ihm äußerst schwer, jemanden absichtlich zu belügen.

Fazit

Asperger-Autisten wirken auf den ersten Blick wie ganz normale Menschen mit bizarren Eigenarten. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die sozialen Fähigkeiten deutlich unterentwickelt sind. Dinge wie Empathie oder das Verständnis für nonverbale Signale fehlen völlig. Außerdem beschäftigen sie sich akribisch mit selbst gewählten Gegenständen oder Themen. In ihrem Interessensgebiet können sie herausragende Leistungen erzielen. Ihre sprachlichen Kompetenzen sind durchschnittlich. Das Prinzip von Ironie oder rhetorischen Fragen ist ihnen jedoch fremd. Da Asperger viel weniger auffällig ist als frühkindlicher Autismus, kommen die Betroffenen häufig aufgrund anderer psychischer Probleme zum Psychotherapeuten. Bei Kindern kann dies der Verdacht auf ADHS sein, bei Erwachsenen Depressionen oder Zwangsstörungen. Etwa 40 % der Betroffenen leben ein unauffälliges Leben, ohne je die Diagnose gestellt zu bekommen. Insgesamt sind wohl nur 1 % der Deutschen von Asperger betroffen. In einer Therapie können sie lernen, ihre sozialen Defizite zu kompensieren und ihrer Vorliebe für klare Strukturen im Alltag gerecht zu werden.

Quellen

Davison, Neale und Hautzinger: Klinische Psychologie, 7. Auflage, Beltz PVU, Weinheim 2007.
https://de.wikipedia.org/wiki/Asperger-Syndrom
https://youtu.be/4Nbbq7NCI0U
https://riddler-gedankenwelt.blogspot.com/
https://www.aerzteblatt.de/archiv/148614/Diagnostik-und-Differenzialdiagnose-des-Asperger-Syndroms-im-Erwachsenenalter
https://youtu.be/bxPQqG2fpJk

Auch interessant