Erinnerungsvermögen: Wie Lang- & Kurzzeiterinnern funktioniert

Wir erinnern uns an dieselben Erfahrungen unterschiedlich. Jeder Mensch nimmt Ereignisse anders auf, sein Gehirn verarbeitet und speichert sie auf andere Weise. Warum ist das so und wie funktioniert Erinnerung?

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©Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Das Gedächtnis hat faszinierende Merkmale. Die Struktur unserer Erinnerungen ist dabei so vielfältig wir das Leben selbst: Gelerntes, Formen, Farben, Geschmack, Ereignisse, Gefühle - sowohl physisch als auch emotional. Zum Beispiel an das Gefühl, als man zum ersten Mal verliebt war oder an den ersten Kuss, an Schrittfolgen eines Tanzkurses oder an das Muster eines Bildes. Psychologen unterscheiden vier Hauptgedächtnisbereiche:

  • Das prozedurale Gedächtnis umfasst mechanische Abläufe, zum Beispiel das Schreiben auf einer Tastatur oder Autofahren. Diese Prozeduren laufen sozusagen automatisch ab, ohne dass wir darüber nachdenken.

  • Das perzeptuelle Gedächtnis sorgt dafür, dass wir Muster oder Grundzüge wiedererkennen; zum Beispiel bei einer Person, die sich optisch verändert hat und bei einem Wiedersehen unerwartet einen Bart und lange Haare trägt.

Diese beiden Erinnerungsformen laufen unbewusst ab, ohne dass wir die Gedächtnisleistung bemerken.

  • Unser semantisches Gedächtnis bezieht sich auf alles, was wir in unserem Leben gelernt haben: In der Schule, aber auch Lebenserfahrung allgemein.

  • Dann erinnern wir uns noch an unsere autobiografischen Daten; wer wir im Sinne unserer Biografie sind. Unangenehme wie schöne Ereignisse gleichermaßen, dazu zählen auch kalendarisch verknüpfte Daten wie der Geburts-, Namens- oder Hochzeitstag. Das wird episodisches Gedächtnis genannt.

An manches erinnern wir uns leicht, bei anderen Erinnerungen müssen wir 'suchen'. Woran liegt das?

Kontext und Emotionen spielen beim Erinnern eine große Rolle

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©Bild von Adriano Gadini auf Pixabay

Sicherlich machst du auch die Erfahrung, dass du dich an alles, was mit starken Emotionen verbunden ist, besser zu erinnern glaubst. Es konnte sich über die Intensität tiefer in unser episodisches Langzeitgedächtnis einbrennen. Das limbische System ist unser rudimentäres Hirnareal und eng mit starken Emotionen und Gerüchen verbunden.
Ohne bewusst wahrgenommen zu werden, bewirken bestimmte Gerüche das Hervortreten von Erinnerungen. Die Amygdala ist neben dem Hippocampus Teil dieses limbischen Systems, das alle Informationen filtert, die in unser Gedächtnis einfließen. Direkt neben der Amygdala liegt das sogenannte Riechhirn. Gerüche wirken direkt auf unsere Emotionen. Unser Erinnerungsvermögen an Ereignisse beziehungsweise Lerninhalte ist erwiesermaßen am höchsten, wenn dabei Amygdala und „Riechhirn“ gemeinsam aktiviert waren. So empfiehlt es sich beim bewussten Lernen, den Kontext zu verändern; etwa auf der Terrasse, dem Balkon oder in einem Café zu sitzen, wo sich die olfaktorischen Wahrnehmungen stetig ändern. Lernen können wir in jedem Alter. Unser Nervensystem ist wie bei Singvögeln darauf ausgelegt, lebenslang neue synaptische Verbindungen herzustellen, und unsere Wahrnehmung der Umgebung wird nicht einmal im Schlaf unterbrochen.

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©Photo by rawpixel.com from Pexels

Was macht das Gehirn beim Merken und Erinnern?

Wenn wir uns etwas merken, verändert sich physiologisch etwas in unserem Gehirn. Eiweißstrukturen haben Einfluss auf die Verschaltungen der Nervenzellen miteinander. So entsteht eine Wechselwirkung, die sogenannte Muster prägt. Anders als bei einem Computer, der in den kleinsten Speicherzellen nur 0 und 1 unterscheiden kann - Strom fließt oder fließt nicht -, sind die Eiweißstrukturen in unseren Hirnen einzigartig wie jeder Wassertropfen. Die Muster auf der Festplatte sind immer die gleichen und mit jedem dafür geeigneten Programm lesbar. Weil wir aber ganz individuell lernen, sind es auch die Strukturen im Gehirn. So haben wir, was auch immer wir gelernt haben - und sei es, dass 2+3=5 ist - in einem völlig anderen Kontext gelernt. Dieses Wissen „meiner fünf“ ist anders als „deine fünf“, weil bei jedem Lern- oder Erinnerungsprozess auch das episodische Gedächtnis mitwirkt; also anhand des Rechenbeispiels die Erfahrungen und Empfindungen, die der einzelne in der Schulzeit zu jenem Zeitpunkt gemacht hat. Deshalb kann auch Musik oder Geruch eine Erinnerung hervorrufen. Plötzlich fällt uns etwas ein und wir sehen es ganz plastisch vor uns. Das Gehirn hat sich auf eine einzigartige Weise verschaltet.

Erinnerungen sind Bausteine unserer Identität

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©Bild von Irina auf Pexels

Wenn wir uns an etwas nicht mehr erinnern können, hat das einen starken Einfluss auf unser Selbstbild und somit unsere Identität. Besonders ereignet sich dies beim Verlust der biografischen Daten, wie es bei Morbus Alzheimer symptomatisch auftritt, denn diese machen unsere Individualität aus. Wie soll man sich selbst auf andere beziehen, wenn man nicht mehr weiß, was einen ausmacht? Nehmen andere das als Persönlichkeitsverlust wahr?

Der Verlust des biografischen Gedächtnisses ist daher eine schwerwiegendere Erfahrung als bestimmtes Faktenwissen nicht mehr erinnern zu können, wie zum Beispiel die Hauptstadt eines Landes, das dem semantischen Gedächtnis zuzuordnen ist. „Wir sind unser Gedächtnis“ gilt für uns Menschen sehr viel stärker als für andere tierische Lebewesen, da unser Gedächtnis in drei temporäre Richtungen funktioniert: die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. So erinnern wir die persönlichkeitsbildenden Inhalte am längsten, weil sie die größte Bedeutung für unser Leben haben und die metaphorische Leine bilden, die sich durch unser gesamtes Leben spannt. Die Bedeutung, die die Erinnerungsinhalte - Kleidungsstücke auf der Wäscheleine - für unser Leben haben, ist neben den starken Gefühlen der zweite Baustein für ein längeres oder besseres Erinnern.

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©Bild von GRATISOGRAPHY auf Pexels

Wir bearbeiten unsere Erinnerungen

Biografische Erinnerungsdaten sind keineswegs unveränderbar, sondern verändern sich im Laufe der Zeit ganz von selbst, da wir uns in der Zwischenzeit verändern und neue Erfahrungen aufnehmen, den Erinnerungen eine andere Bedeutung beimessen und sie in einem neuen Kontext mit Bezug auf bestimmte Aspekte erzählen oder erinnern. Sätze wie „früher war alles besser“ zeigen, wie Erinnerungen mit aktuellen Ereignissen verglichen werden. Anekdoten aus der Bundeswehrzeit werden in jeder neuen Erzählrunde lustiger, obwohl die Erfahrung selbst emotional anders geprägt war. Dabei wird unser aktuelles Selbstbild mit unseren Erinnerungen abgeglichen.
Der Philosoph Michael Jungert beschreibt Identität und Erinnerung als dynamische Größen. Bei dementen Personen verschwindet die Identität mit nachlassender Erinnerung daher nicht. Denn selbst bei fortgeschrittener Demenz bleiben bestimmte Verhaltensweisen und Bewegungsmuster erhalten. Die umgebenden Personen erkennen das wieder und bemerken: das ist ‚ganz er‘ oder ‚typisch sie‘, so bleibt die individuelle Person erhalten, auch wenn sie sich selbst nicht erinnert.

Wir bearbeiten unsere Erinnerungen

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©Bild von GRATISOGRAPHY auf Pexels

Biografische Erinnerungsdaten sind keineswegs unveränderbar, sondern verändern sich im Laufe der Zeit ganz von selbst, da wir uns in der Zwischenzeit verändern und neue Erfahrungen aufnehmen, den Erinnerungen eine andere Bedeutung beimessen und sie in einem neuen Kontext mit Bezug auf bestimmte Aspekte erzählen oder erinnern. Sätze wie „früher war alles besser“ zeigen, wie Erinnerungen mit aktuellen Ereignissen verglichen werden. Anekdoten aus der Bundeswehrzeit werden in jeder neuen Erzählrunde lustiger, obwohl die Erfahrung selbst emotional anders geprägt war. Dabei wird unser aktuelles Selbstbild mit unseren Erinnerungen abgeglichen.
Der Philosoph Michael Jungert beschreibt Identität und Erinnerung als dynamische Größen. Bei dementen Personen verschwindet die Identität mit nachlassender Erinnerung daher nicht. Denn selbst bei fortgeschrittener Demenz bleiben bestimmte Verhaltensweisen und Bewegungsmuster erhalten. Die umgebenden Personen erkennen das wieder und bemerken: das ist ‚ganz er‘ oder ‚typisch sie‘, so bleibt die individuelle Person erhalten, auch wenn sie sich selbst nicht erinnert.

Besser erinnern: Einfacher Gedächtnissport für Jeden!

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©Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Der dritte Baustein dafür, Dinge besser zu behalten, ist die Einmaligkeit dessen, an das wir uns erinnern wollen. "Was wir zum ersten Mal machen, erinnern wir leichter", sagt der Neurowissenschaftler Gerald Hüther. Häufig Erlebtes wird aussortiert und als standarsiertes Muster abgespeichert. Wir kennen das: wir nehmen einen bestimmten Weg zur Arbeit, und wenn wir einmal auf der selben Strecken woanders hin möchten, biegen wir falsch ab, weil wir es sonst immer so machen. Das ist mit allem so, was zur Routine wird. Auch an das Mittagessen der letzten Woche erinnern sich die wenigsten; es sei denn, es war ganz besonders zubereitet, an einem besonderen Ort oder vielleicht mit einem besonderen Menschen.
"Entgegen der üblichen Ansicht ist unser Gedächtnis nicht vorrangig zum Erinnern da, sondern zum Planen der Zukunft", sagt Hüther. Soziale Kontakte, besonders der Austausch und das Lernen, das dabei stattfindet, sind wichtig für unsere geistige Fitness im Alter.
So ist der dritte Baustein des leichten Erinnerns - die Einmaligkeit der Erfahrung - ein Tipp für geistige Fitness im Alter: etwas Neues ausprobieren und gewohnte Dinge anders angehen; etwa rückwärts die Treppen hochlaufen oder mal einen anderen Weg fahren... und auch das Schaffen von Bildern, wie es mit der Metapher der Wäscheleine in diesem Artikel steht. Wenn wir Dinge, die wir uns merken wollen, mit bekannten Mustern verknüpfen, fällt uns das leichter. Wollen wir uns zehn Dinge merken, ordnen wir einfach jedes mit einer Eselsbrücke den zehn nächsten Häusern der Straße zu, in der wir wohnen.

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