Umweltpassung - Der Weg zum Umgang mit herausforderndem Verhalten

Umweltanpassung rückt jenen Personen die Umwelt zurecht, die außerstande sind, sich dieser selbst anzupassen. Dies betrifft Kommunikation, unmittelbare Umgebung und weitere Faktoren.

Bevor wir uns Gedanken über das Konzept der Umweltanpassung machen, muss ich einen Exkurs einfügen, der es leichter macht, zu verstehen, was ich mit adäquatem Umgang mit Menschen mit Demenz meine. Ich hatte bereits erwähnt, dass es im Zusammenhang mit Demenz ein besonderes Anliegen sein muss, Ressourcen zu entdecken, zu nutzen und zu stärken, anstatt sich an Defiziten zu orientieren. Dass bei Demenz viele Dinge misslingen, ist klar. Doch das steht für mich nicht im Mittelpunkt! Natürlich muss bekannt sein, welche Defizite auftreten können, damit wir in defizitären Momenten sinnvoll assistieren können. Ziel muss aber stets sein, auch noch so kleine Ressourcen zu nutzen und zu fördern. Sie zu entdecken gelingt nur, wenn wir nicht an den Defiziten verhaftet bleiben und den Menschen anstelle der Diagnose in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellen.

Defizite bieten Chancen

Wenn wir uns auf diesen Weg machen, werden wir entdecken, dass vermeintliche Defizite eine Schatztruhe an Ressourcen bereithalten. Wie das? Ein Beispiel:

Es wird angenommen, dass Aggressionen wie Schlagen, Schreien und Spucken – um nur die gängigsten zu nennen – einen Teil der diagnostischen Eigenheiten einer Demenz darstellen. Was aber, wenn wir anfangen würden, andere Fragen zu stellen? Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen in der Demenz auch ihre erlernten Kommunikationsfähigkeiten verlieren, warum nehmen wir dann trotzdem an, dass sie in gewohnter Form interagieren? Wenn ein Mensch mit Demenz keine Worte dafür findet, seinen Gefühlen von Unmut Ausdruck zu verleihen und stattdessen schreit, spuckt oder schlägt, ist das für die Angehörigen oder Pflegenden sicher erschreckend. Der Mensch mit Demenz hat allerdings nichts anderes getan, als seinen oder ihren Möglichkeiten entsprechend dem eigenen Unmut Ausdruck zu verleihen. Vielleicht ist uns zuvor entgangen, dass Unmut entstanden ist und deswegen kommt die Reaktion überraschend, aber sie ist nicht unangemessen; jedenfalls nicht, wenn man die Umstände ausreichend würdigt! Warum also nicht die Reaktion als Ressource bewerten; nämlich die Ressource, Gefühle zu äußern – nur eben anders, als wir es als „anständig“ gelernt haben, weil wir anders programmiert sind.

Ausdruck von Gefühlen erlauben

Wir haben uns als Kinder mit Zunahme an Kommunikationsfähigkeiten solche Reaktionen wie Schreien abgewöhnt. Warum also nicht den Personen mit abnehmenden Kommunikationsfähigkeiten – also den an Demenz erkrankten – diese ursprüngliche Reaktion lassen? Sie ist ein Mittel, um gehört zu werden; also eine Ressource. Dies zu erkennen und zu würdigen, bedeutet u.a. Umweltanpassung.

Umweltpassung ist mein „Geheimtipp“ für alle, die mit Menschen umgeben sind – sei es beruflich oder privat – die durch Verhalten auffallen, das wir als auffällig bezeichnen. Wir lernen von Anfang unseres Lebens an, dass unser Verhalten „angepasst“ sein soll. Wir lernen früh, dass nicht angepasstes Verhalten unerwünscht ist und dass es meistens repressive Folgen hat, wenn wir uns entgegen den Erwartungen verhalten. Das wird selten infrage gestellt und häufig ist das Erreichen bestimmter Verhaltensnormen das Ziel von Erziehung und Bildung. Es geht nicht darum, wem es etwas nützt, wenn alle sich angepasst verhalten, sondern dies ohne Einschränkungen zu tun; einfach um des Angepasst-Seins. Nicht auffallen in der Menge wird zu einer Tugend stilisiert. Das wiederum führt dazu, dass Menschen, die nicht der Norm entsprechen wollen und/oder können, umso mehr zu Außenseiterinnen werden, weil wir auf Ausnahmen von Regeln nicht programmiert werden.

Gesellschaftlich bedeutet das, dass Menschen aus der Mitte der Gesellschaft verdrängt werden, wenn sie sich bestimmten Normen – vor allem Verhaltensnormen nicht unterwerfen wollen – und/oder können. Für die, die nicht wollen, scheint dies kein Problem zu sein, das sie diesen Weg gewählt haben. Vielleicht aber auch nicht? Was, wenn diese Menschen den Weg aus der Gesellschaft suchen, weil diese ihnen gar keinen Platz bereithält? Wenn es nicht ihrem inneren Programm entspricht, sich anzupassen, dann wird die Anforderung „Anpassen“ nicht erfüllt werden können. Und weil wir kein Programm für Andersartigkeiten haben, müssen diese „Querschläger“ entweder angepasst werden oder sie bleiben Außenseiter. In jedem Fall werden sie bestraft – ob aktiv oder passiv. Schließlich kennen wir genug restriktive Sanktionswerkzeuge, mit denen Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene „zur Räson gebracht“ werden.

Leider ist es in unseren gesellschaftlichen Systemen nicht vorgesehen, Platz für alle zu schaffen und alle an der Gemeinschaft teilhaben zu lassen. Inklusion ist entsprechend schwierig. Aber nicht, weil Lehrende oder Pflegende zum Beispiel nicht bereit wären, Inklusion zu tun, sondern weil ihnen weder ausreichend Fachkräfte noch die entsprechenden Werkzeuge bereitgestellt werden.

Die Änderung der eigenen Sicht- und Denkweise ist ein wertvolles Werkzeug

Was wir zuallererst brauchen, ist, wie ich finde, eine andere Sicht auf das Verhalten von Menschen; vor allem, wenn wir es als nicht angepasst und herausfordernd empfinden. Wir müssen endlich begreifen, dass nicht das Verhalten der Menschen falsch ist, sondern unsere Reaktion darauf ungünstig sein könnte, wenn wir das Gefühl haben, wir könnten die Probleme mit „verhaltensoriginellen“ Menschen nicht lösen. Die Menschen verhalten sich entsprechend ihren Möglichkeiten und Ressourcen vollkommen adäquat. Sie nutzen ihre Ressourcen, um uns mitzuteilen, dass in der momentanen Situation etwas für sie nicht stimmt und dass sie nicht die Mittel und Werkzeuge besitzen, das zu anders zu lösen. Viele – wahrscheinlich die meisten – besitzen auch nicht (mehr) die Möglichkeit, Werkzeuge zu lernen. Andere können das, allerdings zu einem hohen Preis, weil sie die eigenen Impulse die meiste Zeit kompensieren müssen, um sich selbst „passend“ zu machen. Das ist ein hoher Preis insofern, als dass es Kapazitäten und Energie bindet, die an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt wären, würden wir sie sein lassen, wie sie eben sind. Und würden wir ihnen zuhören und genauer hinsehen!

Eine alte Dame, die ich im Rahmen der ambulanten Pflege jeden Morgen aufsuchte, war kaum zu bewegen, um das Bett zu verlassen. Laut Aussage der Tochter war sie eine Langschläferin und wurde später von den Pflegern besucht; gegen 10 Uhr meistens. Bei der Einarbeitung erlebte ich, dass die Dame mehr oder weniger aus dem Bett genötigt wurde und die Pflegende dabei recht genervt war. Es fielen Sätze wie: „Jeden Morgen dieses Theater.“ Man wies mich an, in der Zwischenzeit das Frühstück vorzubereiten, „damit es schneller geht“ und die Dame wurde ins Badezimmer gedrängt, damit sie „endlich fertig wird“.

Wir hatten Zeitdruck…

Das war mir klar…

Und dennoch hinterließ diese Situation mit der Kollegin einen komischen Beigeschmack bei mir. Wir redeten hinterher darüber und die Kollegin – die ich ansonsten als sehr lieb und geduldig erlebte – erzählte, sie habe von den Angehörigen übergeben bekommen, dass die Dame „schwierig“ ist. Ich bat darum, am nächsten Morgen etwas ausprobieren zu dürfen und legte meine Idee dar. Das Gegenargument „Zeit“ konnte ich entkräften, indem ich eine neue Vorgehensweise vorschlug. Sollte diese nicht aufgehen, würden wir nochmals überlegen. Am nächsten Morgen ging ich leise ins Zimmer der Dame rein und machte ein kleines Licht an. Ich kochte Kaffee, bereitete das Bad vor und ging mit einer Tasse Kaffee mit den Worten „Zum Aufwachen, nette Dame!“ zu ihr. Anschließend stellte ich sicher, dass sie sich im Bett gut aufrichten konnte. Sie genoss ihren Kaffee, während ich das Frühstück soweit vorbereitete, mit dem wir nach dem Bad direkt anfingen. Als ich wieder zu ihr hineinging, sah sie deutlich wacher und sortierter aus. Das Waschen und Anziehen gingen einfach von der Hand. Sie konnte vieles allein, weil sie sortierter war und beim Frühstück war sie gut gelaunt. Sie musste nicht wie sonst ermuntert werden, zu essen und so konnte ich aufräumen, das Bett machen und den sonstigen Pflichten nachkommen. Wir waren übrigens zehn Minuten schneller als sonst und nach einer Teamsitzung machten es alle so, wie an diesem Tag demonstriert. Bis auf kleine Ausnahmen – die Tagesform sorgt für Abweichungen – ging das immer sehr gut.

Bevor du nun weiterliest: Lasse bitte das Beispiel einen Moment auf dich wirken! Ich denke, du verstehst, dass das Problem keines war. Wir mussten die Situation nur anpassen, dann war alles gut.

Umgang mit Menschen mit neuronalen und emotionalen Einschränkungen

Im Folgenden geht es in erster Linie um den Umgang mit Menschen, die neuronale oder emotionale Einschränkungen haben – oder beides. Dies betrifft Menschen mit Autismus und AD(H)S ebenso wie Menschen mit Depressionen, geistigen Behinderungen, Demenz sowie weiteren Einschränkungen und Erkrankungen. Auch im Umgang mit Schwersterkrankten und chronisch Kranken ist Umweltpassung und die Frage danach, wie wir herausforderndes Handeln betrachten und damit umgehen, ein Thema. Die Frage danach, warum ein Mensch tut, was er oder sie tut, ist spannend und löst einige Konflikte anders, als wenn wir menschlichem Verhalten wertend begegneten. Probiere es mal aus!

Dein Mehrwert durch die neuen Erkenntnisse

Wenn du im professionellen Bereich stationär oder ambulant pflegst, werden die folgenden Gedanken dir bei der Dokumentation und in Teamgesprächen helfen, Krisensituationen in einem anderen Licht zu sehen. So wirst du neue Herangehensweisen installieren und flexibler werden. Wenn du als Angehörige pflegst, gilt natürlich das gleiche im Familienverbund.

Manchmal klärt ein neuer Blick entscheidend die eigene Herangehensweise und macht kreativer. Tausche dich gern mit deinen Mitmenschen aus und lerne von ihnen und mit ihnen. Diese Art, miteinander umzugehen, ist ein Lernen im Dialog und damit werden wir ein Leben lang nicht fertig: Denn Lernen im Dialog bedeutet, mit offenen Ohren, Augen und Gefühlen auf Menschen zuzugehen und gemeinsam an kreativen sowie individuellen Lösungen zu arbeiten!

Ehe wir uns komplett dem Konzept der Umweltanpassung widmen, gibt es einige Begriffe zu klären – oder auch nur einen Begriff, wie wir im folgenden Abschnitt feststellen werden…

Was ist Herausforderndes Verhalten?

Du kennst folgende Begriffe:

  • Aggressiv
  • Unruhig
  • Unzugänglich
  • Auffällig
  • Stur

Wenn du die einzelnen Begriffe auf dich wirken lässt, kommen in deinem Kopf passende Bilder dazu auf. Nehmen wir aus der Menge einen Begriff heraus, um uns diesen näher anzuschauen: Bei „aggressiv“ sehen die einen eine Person, die schreit und sich „aufbaut“. Die anderen sehen wiederum ein Individuum, das mit Gegenständen wirft. Wieder andere sehen unter Umständen eine um sich schlagende, schubsende und drohende Person. Manche kommen ganz allgemein auf mehrere Beschreibungen des Begriffs.

Es gibt somit für jeden Begriff eine andere Definition. Das, was wir mit diesen Begriffen verbinden, ist höchst individuell und von eigenen Erfahrungen sowie Erlebnissen geprägt. Alle Begriffe sind ausgesprochen allgemein oder im Umkehrschluss unpräzise. Was genau bedeutet es, wenn ich jemanden als aggressiv beschreibe? Reicht das aus, um Verhalten zu entschlüsseln? Du ahnst es: Meine Erklärung ist definitiv unzureichend. „Aggressiv“ ist eine oberflächliche Beschreibung von Verhalten, die die Bezeichnung „Beschreibung“ mitnichten verdient. Die Begriffe sind vielmehr keine Beschreibungen, sondern subjektive Bewertungen von Verhalten; Bewertungen, die sich obendrein anmaßen, keine Deutungsspielräume zulassen: Wer sich so verhält, verhält sich schlecht!

Nun wirst du möglicherweise einwenden, dass – da es den gesellschaftlichen Richtlinien entspricht – aggressives Verhalten selbstverständlich als schlecht zu bewerten ist. Ich antworte auf diesen Sachverhalt mit: Ja und Nein.

In erster Linie ist es schwierig, Verhalten mit Bewertung zu versehen. Stelle dir einen Moment vor, du würdest das jeweilige Verhalten nicht als aggressiv bewerten, sondern zunächst wertneutral beschreiben: Er oder sie hat geschlagen, geworfen, geschrien – was auch immer. Das ist eine Beschreibung. Wertneutral und möglichst ausführlich beschrieben – mit einer Überlegung, wie die Situation ausgesehen hat, in der der oder diejenige sich so verhalten hat – wird aus Aggression vielleicht etwas anderes. Unter Umständen fallen dir Dinge auf, die dir bei einer schnellen Bewertung als „aggressiv“ entgangen wären. Dies kann viele Aspekte beinhalten und eröffnet andere Wege, als es eine bloße Bewertung des Verhaltens tut.

Deswegen bezeichnen neben mir ebenso Wissenschaftler, Pfleger und weitere Personen auffälliges Verhalten als „Herausforderndes Verhalten“. Das Verhalten fordert uns heraus: Es fordert heraus, zu reagieren. Wenn ich mir zuerst die Frage stelle, was genau das Gegenüber tut und dann die Situation sowie die Prämissen des Gegenübers ansehe, kann ich als nächstes die Frage stellen: „Warum tut ein Mensch das, was er oder sie tut?“

Damit hat sich etwas verändert:

Ich muss das Verhalten nicht persönlich nehmen. Wenn ich davon ausgehe, dass ich etwas damit zu tun habe, wie sich das Gegenüber verhält, ist es nicht persönlich. Vielleicht hat die Situation etwas beim Gegenüber getriggert? Oder aber die Reaktion ist einer Überforderung geschuldet? Das gilt es herauszufinden.

Also: Das Verhalten des Gegenübers fordert heraus, die Situation anzusehen und das eigene Verhalten zu überdenken:

  • Wenn das Verhalten etwas mit mir zu tun hat, was kann ich ändern? Das ist die Frage dahinter!
  • Wenn die Situation das Verhalten des Gegenübers ausgelöst hat, was kann ich beim nächsten Mal an der Situation ändern? Das ist die andere Frage dahinter!
  • Wenn das Verhalten ein typisches Muster für diejenige Person hat, dann ist die dritte Frage, warum ich denke, ich könnte sie derjenigen nun abgewöhnen?

Wenn jemand das ganze Leben lang über alles und jeden geschimpft hat, immer eine Meinung hatte und immer „motzig“ war, wieso glaube ich dann, dass es ausgerechnet jetzt anders sein sollte? Wie kommen wir dazu, erziehen zu wollen? Hilfreich einwirken wäre sinnvoller.

Das ist ein ganz anderer Ansatz. Wenn ich werte, fordere ich vom Gegenüber, dass es sein oder ihr Verhalten ändert. Wenn ich beschreibe, kann ich hingegen…:

  1. …helfend für das Gegenüber wirken, um das Verhalten anzusehen und zu verändern, wenn das möglich ist.
  2. …Situationen besser verstehen und daraus darauf schließen, was mein Gegenüber benötigt, damit es dieses Verhalten nicht mehr braucht.
  3. …ressourcenorientiert denken und handeln.

Werten ist Defizitorientierung, Hinterfragen ist Ressourcenorientierung. Es geht darum, eine fragende Haltung einzunehmen. Das Ziel muss sein, zu fragen, warum ein Mensch tut, was er oder sie tut und welche Ressourcen und Möglichkeiten dahinterstehen. Natürlich wird dies schwieriger, je eingeschränkter die Möglichkeiten der Kommunikation sind, aber unmöglich ist es selten. Im Zweifel müssen alle Quellen zurate gezogen werden, die uns etwas über den jeweiligen Menschen sagen. Dazu werde ich im nächsten Kapitel etwas sagen, wenn es auch um Validation und Biographiearbeit geht.

Soweit meine grundlegenden Überlegungen zu herausforderndem Verhalten.

Umweltpassung

Einfach zusammengefasst bedeutet Umweltanpassung, die Umwelt für jemanden anzupassen, damit er oder sie sich wohl und sicher fühlt.

Für mich – und da werden mir einige Experten/-innen widersprechen wollen – ist Umweltpassung im Grunde die große Überschrift über alle Maßnahmen, die dazu führen, dass ein Mensch, der sich selbst nicht (mehr) in der ihn oder sie umgebenden Welt zurecht findet, sich sicher und wohl fühlt. Sich sicher und wohl zu fühlen, sind Grundbedürfnisse des Menschen, die von Anfang an da sind und nie aufhören.

Du wirst dich unter Umständen wundern, warum das so explizit erklärt werden muss. Denn mal im Ernst: Ist das nicht selbstverständlich?

Umweltanpassung - veranschaulicht, anhand der für jede Person nachvollziehbaren Kindeserziehung

Wenn wir auf die Welt kommen, werden wir gehegt und gepflegt, um dann heranzuwachsen und unsere eigene Welt zu entdecken. Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, die Umwelt so zu gestalten, dass das Baby oder Kleinkind sich nicht verletzt oder in Gefahr bringt. Das ist eine Form der Umweltpassung. Mit der Zeit werden die Sicherungen an das Alter des Kindes angepasst: Wenn es mobiler wird, dann muss das ein oder andere neu gesichert werden. Andere Dinge wiederum bedürfen aufgrund der Weiterentwicklung des Kindes keiner Sicherung. Einige Eltern sind ängstlicher, andere weniger. Und ab da wird es spannend: Die Disposition der Eltern bestimmt, wie viel Umweltpassung sie für nötig halten und wie viel dem Kind zugetraut oder zugemutet wird. Sie merken: Der Sachverhalt wird differenzierter!

Wenn Eltern sehr vorsichtig sind, dann wird das Kind auf Gefahren programmiert. Es wird entsprechend in bestimmten Situationen ängstlicher reagieren als andere Kinder, deren Eltern mutiger sind. Dann gibt es Eltern, die an Gefahren kaum denken und deren Kinder früh lernen, allein klarzukommen. Wir erleben diese Kinder als draufgängerisch, mutig und/oder unabhängig, aber auch unter Umständen als schwer lenkbar und „erziehungsresistent“.

Für die Kinder mit den ängstlicheren Eltern heißt das Verhalten der Eltern, dass sie nicht ausreichend lernen, sich zu trauen, selbstbewusst auf unbekannte Situationen zuzugehen und zu unterscheiden, was gefährlich ist und was nicht. Das scheint nicht günstig, weil das Kind in dem Fall nur wenig Ressourcen entdeckt und entwickelt. Für ein Kind, dessen Eltern sich eher kaum kümmern, bedeutet dies, dass ihnen Ressourcen abverlangt werden, die sie eigentlich altersgemäß noch gar nicht haben können. Sie lernen keine gesunde Vorsicht und werden nicht ausreichend beschützt. Beide haben gemeinsam, dass ihre Umweltpassung ungünstig ist. Ihre Umwelt verhindert eine altersgerechte Entwicklung und Entdeckung ihrer Ressourcen entwickeln. Den einen wird der Rahmen zu eng gesteckt, den anderen zu weit.

Eine Umweltpassung würde bedeuten, dass Kinder altersgemäß lernen, Gefahren einzuschätzen und ihnen adäquat zu begegnen.

Umweltpassung und herausforderndes Verhalten – der Zusammenhang

In einer WG für Menschen mit Demenz lebte ein älterer Herr, der sein Leben lang Kneipenwirt an einem sogenannten „sozialen Brennpunkt“ war; ein Ort, an dem ein Kneipenwirt sicherlich nicht mit Höflichkeitsfloskeln um sich wirft und sich seiner Haut zu erwehren weiß. Leider war jener Mann für seinen – nennen wir es – problematischen Umgang mit Frauen bekannt.

Dieser Mann blieb abends lange auf, kassierte gegen 1 Uhr das letzte Bier und ging dann ins Bett, um morgens bis mindestens 11 Uhr zu schlafen. So war er es gewohnt und so wurde es gemacht: Umweltpassung! Nun musste er aus verschiedenen Gründen morgens und abends getaktet seine Medikamente nehmen. Spätestens um 8 Uhr wurde es morgens Zeit, zu ihm hineinzugehen, ihn kurz zu wecken und zur Einnahme seiner Medikamente zu bewegen. Ich und meine Kolleginnen sind dazu ausgebildet worden, höflich und vorsichtig mit Menschen zu sein. Dementsprechend war mein erster Versuch folgender: „Guten Morgen, Herr Meier (Name fiktiv)! Ich will gar nicht lange stören, aber Sie müssten mal eben Ihre Medikamente einnehmen.“

Was soll ich sagen? Ich wurde arg beschimpft, mir wurden Schläge angedroht (sein Benehmen seinen Ehefrauen gegenüber wurde hier eindrucksvoll belegt) und als ich fluchtartig das Zimmer verließ, flog sein Trinkglas hinter mir her. Ähnliche Reaktionen hatten alle zu erwarten, die es wagten, früh bei ihm im Zimmer aufzutauchen. Ebenso konnte er in vielen anderen Situationen sehr unangenehm sein: Er schimpfte, fluchte, schlug und – ja, er war einer von diesen Personen – fasste gern mal an, wenn eine Frau gut gebaut war.

Erste Reaktion im Team: Empörung! Wie kann der so mit dir umgehen? Was fällt dem ein? Was ein Macho! Ist ja ekelhaft! „Völlig zu Recht!“, wirst du nun denken...

Doch wir probierten etwas anderes aus, nachdem wir eine Fallbesprechung über ihn gemacht hatten, in der wir einiges mehr über ihn erfuhren und verstanden: Wir waren schlicht und einfach zu höflich. Das ist dem in der WG schließlich auch dauernd auf die Nerven gegangen. Wie oft hat er uns nachgeäfft, weil er mit diesem ganzen „Wischiwaschi-Gelaber“ schlicht und einfach nichts anfangen konnte! Er war anders programmiert. Wenn du von ihm was wolltest, das ihn störte, dann war der gute Mann genervt und hat mit seinen Gewohnheiten darauf reagiert.

Also, es war an mir, einen neuen Versuch zu starten: Punkt 8 Uhr also rein mit Tablette und schwitzenden Händen. Hin zum Bett, einmal angestupst, laut und deutlich angesprochen: „Herr Meier, machen Sie mal die Augen kurz auf, Sie müssen Ihre Tablette nehmen, hat der Arzt verordnet!“ Normale Reaktion von ihm mit Geschimpfe und Gefluche. Meine Antwort: „Ist mir egal, was Sie meinen, die Tablette muss rein, hat der Doc gesagt, also zack jetzt und fertig. Stellen Sie sich nicht an wie ein Mädchen! Meine Güte aber auch, ein Kerl wie Sie wird ja wohl verkraften, wenn er mal eben ‘ne Tablette nehmen soll!“ Nicht besonders freundlich, sondern energisch und laut… Ein gegrummeltes „Gib schon her den Scheiß, mit dem der Kurpfuscher seinen Porsche verdient!“ kam zurück und das Thema war durch!

Ich sehe dich jetzt entsetzt den Kopf schütteln. Sowas geht doch nicht…

Nun ja: Du hast recht. Eigentlich geht das gar nicht und wenn ich mit den Damen in der WG so geredet hätte, hätte sie sehr wahrscheinlich der Schlag getroffen. Auch generell ist solch ein Verhalten inakzeptabel, zumal ich am Anfang dieses Artikels ein Beispiel gebracht habe, in dem ich genau gegensätzlich gehandelt habe.

Warum geht das also hier?

Das ist Umweltpassung, auch wenn das schwer zu glauben ist. Der Mann hat jahrzehntelang in einer Umgebung gelebt, in der ein solcher Ton herrschte, der das Überleben sicherte. Wenn du in einer Brennpunkt-Kneipe nicht deine/n Frau/Mann stehst, dann wirst du da nicht lange unversehrt sein. Nun ist der Mann dement geworden und in eine Umgebung gebracht worden, die einen klaren Gegensatz zu seinem bisherigen Leben darstellte. Er war nicht mehr stark und unabhängig, zumindest nach außen hin. Aber in seinem Selbstbild war er es und konnte durchaus seinen Mann stehen. Sein Verhältnis zu Frauen war sein Leben lang davon geprägt, dass er „der Mann im Haus“ war, was er sogar mit Gewalt durchsetzte – bis auf seine letzte Frau. Diese konnte ihm Paroli bieten und nach Aussagen seines Sohnes war sie seine große Liebe. Außerdem wurde in dem ihn umgebenden Milieu laut und klar gesprochen.

Wir begegneten ihm auf jeder Ebene mit einem Verhalten, das nicht seinen Prägungen entsprach und durch die Demenz war ihm die Möglichkeit genommen, sein Verhalten zu abstrahieren und auf uns einzustellen. Zur Lösung haben wir im Pflegeteam das Verhalten seiner letzten Frau kopiert, das uns der Sohn geschildert hatte. Sie wusste schließlich sehr genau, wie sie mit ihm umzugehen hatte.

  • Also haben wir lauter und deutlicher geredet.
  • Wir haben Höflichkeitsfloskeln weggelassen, die ihn so genervt hatten.
  • Wir haben den Sprachduktus geändert und hin und wieder mal zurück- oder mitgeflucht!

Das haben wir ebenso in der Körperpflege und in anderen Situationen getan, um damit die Umwelt – also uns - seinen Bedürfnissen anzupassen. Dass wir dabei die Themen Biographiearbeit, Vertrautheitsprinzip und Validation mit behandeln, ist ein wichtiger Teil der Umweltanpassung. Die Themen sind so eng miteinander verknüpft, dass deren Einbindung unumgänglich ist: Den Sprachduktus anzupassen, hat viel mit Validation zu tun und biographisches Wissen und Denken ist zwingend Voraussetzung dafür, dass Umweltpassung möglich wird. Passende Umwelt hat mit den bisherigen Gewohnheiten zu tun.

Umweltpassung kann also bedeuten, dass ich mein Verhalten und meine Reaktionen dem Gewohnten anpasse und damit mich passend mache.

Optimierung der Umgebung

Ein anderer Aspekt der Umweltpassung ist eine Anpassung der Um-Welt: Es muss alles den Bedürfnissen und Fähigkeiten angepasst sein, die das jeweilige Gegenüber hat. Dies bedeutet, Platz zu schaffen und Stolperfallen zu vermeiden, wenn ein Mensch bewegungs- oder wahrnehmungseingeschränkt ist:

  • Eine Rollstuhlfahrerin soll sich barrierefrei bewegen können und entsprechende Umbauten sind nötig? Dann ist ein Treppenlift eine mögliche Lösung.
  • Die jeweilige Person hat eine eingeschränkte Sehfähigkeit? Dann bietet sich die Installation entsprechender Hilfestellungen für Sehbehinderte als eine Option an.

Das alles leuchtet ein, leider sehen wir immer noch zu wenig entsprechende Maßnahmen in der Öffentlichkeit umgesetzt. Besonders schwierig wird es, wenn wir Menschen mit Behinderungen ansehen, die sich nicht auf (rein) körperliche Einschränkungen beziehen:

Eine junge Frau, die durch Sauerstoffmangel bei der Geburt schwere geistige und körperliche Behinderungen hatte und somit in ihrer Selbständigkeit eingeschränkt war, weil sie bei allem, was sie tun wollte und musste, Unterstützung brauchte, lebte in einer Einrichtung für Menschen mit Mehrfachbehinderungen. Sie war 20 Jahre jung und konnte nur einzelne Worte sprechen. Meistens verständigte sie sich mit Lauten und Gesten, die ebenso schwer zu deuten waren, wie ihre Wortsprache, weil alles an ihr fahrig und unkoordiniert war. Sie besaß aber eine Art Computer, mit dem sie kommunizieren konnte. Der sprach laut aus, was sie eintippte. Die Tatsache, dass sie tippen konnte und das in einem nicht unbeträchtlichen Tempo, hätte mich von Anfang an darauf bringen können, dass sie viel mehr Ressourcen und Potenzial hatte, als wir annahmen. Sie musste uns das erst beweisen, damit wir anders und ihrem Entwicklungsstand entsprechend, mit ihr umgingen. Folgendes passierte: Sie war an den Wochenenden immer zu Hause, wo verschiedenste Dinge erledigt wurden.

  • Kleidung kaufen
  • Friseurbesuche
  • Bücherkauf
  • Und was sonst noch so anlag…

Wir haben nie infrage gestellt, dass die Mutter die Einkäufe mit ihr zusammen erledigte und Dinge wie beispielsweise die neue Frisur besprach. SO wurde es uns von den Eltern vermittelt und es schien ein vertrauensvolles und entspanntes Verhältnis zu bestehen – es schien…

Eines Samstagmorgens erlebte ich, dass jene junge Frau sich weigerte, das Bett zu verlassen und immer wieder schrieb: „Geh weg!“ Sie wollte nicht aufstehen und nachdem wir alle unser Glück versucht hatten und kein Zureden, kein Drohen, kein Bitten oder Betteln sie bewegen konnte, sich beim Aufstehen helfen zu lassen, haben wir sie schließlich in Ruhe gelassen! Wir dachten, die Mutter würde das schon geklärt bekommen. So beschränkten wir und darauf, ihr ein Frühstück zu bringen, ihr im Bett beim Essen zubereiten zu helfen, setzten ein bisschen Hygiene durch und warteten dann, was passierte, wenn die Mutter zum Abholen kam. Heute sollte es um Kleidung und sogar Möbel kaufen gehen…

Die Mutter kam, wir waren gespannt und dann kam erneut deutlich vonseiten der jungen Frau: „Will nicht! Geh nicht mit! Weg, geh!“ Völlig ratlos kam die Mutter zu uns, wie berieten uns und beschlossen, der jungen Frau vorzuschlagen, dass sie dieses Wochenende in der Einrichtung bleiben könne, zumal abends Kinoabend stattfand. Die junge Frau stimmte zu. Kaum, dass die Mutter weg war, bat sie uns, ihr beim Aufstehen zu helfen und war das ganze Wochenende vergnügt. Am Telefon ließ sie der Mutter ausrichten, es sei alles on Ordnung.

Von nun an machte sie dieses „Theater“ jeden Samstag. Vier Wochen lang wussten wir uns nicht zu erklären, was da los war. Du dürftest jetzt zu Recht einwenden, dass wir unter Umständen nicht die richtige Person gefragt haben. Es war so. Wir haben mit der Mutter über mögliche Motivationen gesprochen. Wir haben wie selbstverständlich hingenommen, dass die Mutter stellvertretend die Gefühle ihrer Tochter benennt. Als hätten wir nicht verstehen können, dass die Mutter die Gefühle ihrer Tochter nur durch einen Filter sieht und beschreibt; durch den Filter der eigenen Gefühle und Vorstellungskraft nämlich! Wie sollte denn die Mutter genau wissen, wie es in der Tochter aussieht, wo sie doch nicht in der Tochter steckt? Da steckt nur die Tochter selbst und die haben wir an diesem Mittag beim Kochen aus Versehen gefragt! Meine Kollegin redete mit mir – Achtung! – über die junge Frau, die auch anwesend war! Sie fragte mich, ob ich eine Idee hätte, woraufhin ich verneinte. Daraufhin zog es plötzlich an meinem Shirt und die junge Frau sagte recht energisch: „Komm!“ In ihrem Zimmer ließ sie den Computer Folgendes sagen: „Ich will nicht mehr mit meiner Mutter einkaufen, weil sie mich nie fragt, ob mir das gefällt, was sie aussucht. Sie kauft immer Kindersachen, obwohl ich doch bereits erwachsen bin!“

Nun: Wir haben das Problem dann mit der Mutter lösen können, die einfach lernen musste, dass sie nicht für die Tochter entscheiden und reden darf sowie, dass ihre Tochter ein Recht darauf hat, ihr Zimmer, ihre Um-Welt, nach ihren Wünschen zu gestalten. Ebenso ihre Kleiderwahl... Die Frisur! Weil sie doch erwachsen war! Natürlich!

Was ist hier passiert?

Eine erwachsene junge Frau sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass sie durch ihre Kümmernden auf ihre Behinderungen reduziert wird – defizitorientiertes Denken! – und ihr keinerlei Reifung sowie Entwicklung zugetraut und zugestanden werden. Sie wird im Kind-sein festgehalten. Ihre Um-Welt wird nicht ihren geänderten Bedürfnissen angepasst. Sie wird auf Behindert-sein und Bedürftig-sein reduziert und keine ihrer Ressourcen werden genutzt. Sie kann kommunizieren, aber niemand nutzt das zielgerichtet. Aufgrund ihrer Einschränkungen wird sie nicht mehr als Persönlichkeit wahrgenommen. Ihre Möglichkeiten werden unterschätzt und ihre Potenziale untergraben.

Bis sie einen sehr kreativen Weg findet, sich Gehör zu verschaffen!

Hier ist Umweltpassung – die direkte Um-Welt, also das Zimmer und die Einstellung der Kümmernden – an veränderte Bedürfnisse und Entwicklungen anzupassen. Dazu müssen wir aber ernsthaft verstehen, dass stets Wegen zu suchen ist, die Kommunikation erfolgreich zu machen und zu verstehen. Dann können wir die Umwelt passend machen für die, die nicht selbst eine Passung herstellen können.

Zusammenfassung

Umweltpassung bedeutet, zu verstehen, an welchen Stellen Betroffene sich und ihr Verhalten aus den verschiedensten Gründen nicht an die Gegebenheiten ihrer Umwelt anpassen können. So muss man sich die Frage stellen, warum ein Mensch tut, was er oder sie tut. Nur so ist es möglich, herauszufinden, wie sich jede Quelle und sämtliche Möglichkeit sowie die Ressourcen der Betroffenen nutzen lassen. Aus dem Verständnis für den Menschen muss eigenes Handeln folgen, um die Umwelt und das eigene Verhalten der Situation des Menschen anzupassen. Dabei funktioniert bei weitem nicht alles auf Anhieb. Deswegen bist du und jede andere praktizierende Person darauf angewiesen, Dinge sowie Methoden auszuprobieren, zu verwerfen oder beizubehalten, neu zu probieren und dabei immer miteinander zu reden. Du wirst am Verhalten der betreffenden Person deutlich merken, ob deiner Art der Umweltanpassung funktioniert oder Optimierungspotenzial besteht. Das einzige, das du falsch machen kannst, ist, dass du nichts machst! Lerne optimistisch aus Misserfolgen und erzähle diese auf jeden Fall weiter. Andere lernen auch davon!