Autor : Va.wo
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Polypharmazie im Alter – wie zu viel Medizin dem Wohlbefinden schadet

Das Durchschnittsalter der Bevölkerung schnellt von Jahr zu Jahr immer weiter in die Höhe. Das Leben ist gemütlicher geworden als es noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall gewesen ist und genau dieser hohe Lebensstandard lässt auch das Alter der Menschen in die Höhe schießen. Der demographische Wandel ist im vollen Gange und dies lässt sich auch anhand von tagtäglichen Situationen realitätsnah beobachten. Die Tatsache, immer älter werden zu können, birgt teilweise auch Hürden, mit denen die hausärztlichen Praxen verstärkt konfrontiert werden. Die größte dieser angesprochenen Hürden stellt die Polypharmazie dar. Bei der zeitgleichen Einnahme mehrerer Medikamente im Alter gilt es einige Dinge zu beachten, da dieses Verfahren oftmals von tückischer Natur ist.

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Gründe für die Polypharmazie

Die Polypharmazie kann diverse Gründe haben, jedoch haben sich mit Blick auf die letzten Jahre einige besonders deutlich herauskristallisiert. Vor allem die Polypharmazie bei multimorbiden Patienten tritt dabei am häufigsten in Erscheinung. Die Patienten leiden auf Grund des hohen Alters meist an mehreren Krankheiten zeitgleich, die alle eine unterschiedliche Behandlung erfordern. Dies geht in den meisten Fällen mit einer ebenfalls unterschiedlichen Medikamenteneinnahme einher. Die Betroffenen müssen oftmals einen pharmazeutischen Cocktail zu sich nehmen, um dieser Krankheiten Herr zu werden. Die Statistik beziffert dieses Szenario nochmals ausdrucksstark. So sind laut Robert-Koch-Institut bei den über 65-jährigen weiblichen Patienten nur noch in etwa 7,1 Prozent völlig gesund. Auf männlicher Seite ist zwar ein etwas höherer Wert zu verbuchen. Dieser beläuft sich jedoch auch nur auf 9,4 Prozent. 41 Prozent dieser Altersgruppe zugehörigen Patienten haben indes mindestens 1-2 chronische Krankheiten zu kämpfen. Bei 37 Prozent sind es bereits 3-4 Krankheiten. Allein ein Drittel der unter chronischen Krankheiten leidenden Patienten muss täglich mindestens 4 verschiedene Medikamente zu sich nehmen- Tendenz eher steigend!

Die Ärzte sind häufig überfordert

Vor allem die Ärzte werden von hilfesuchenden Personen nahezu überschwemmt. Dies wiederum erzeugt bei diesen Ärzten einen enormen Druck, der sich oftmals durch Fehler bemerkbar macht. Diese Fehler bedeuten dann häufig, dass medikamentöse Verschreibungen zu schnell vonstatten gehen oder komplett unnötig sind. Dieser zu voreilige Griff zum Verschreibungsblock stellt auch eine äußerst bedrohliche Seite der Polypharmazie dar. Durch bessere und vor allem entlastende Maßnahmen müssen hier beide Seiten effektiver geschützt werden. Die Statistik macht diesen Handlungsbedarf nochmal in warnender Manier deutlich: 96 Prozent aller älteren Patienten lassen sich ausschließlich von hausärztlicher Seite aus behandeln. Nur ein Bruchteil der Betroffenen greift auf anderweitige oder stationäre Behandlungsmöglichkeiten zurück.

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Unnötige Medikamentenvergabe in den Pflegeheimen

Dass die Polypharmazie auch in Pflegeheimen ein großes Problem ist, zeigt eine durchgeführte Studie der AOK in erschreckender Weise. Durchschnittlich betrachtet, bekommen 6 von 10 Bewohnern solcher Pflegeheime täglich mehr als 4 verschiedene Medikamente verabreicht. Die Wirkstoffe dieser Medikamente unterscheiden sich meist immer sehr stark voneinander, sodass Nebenwirkungen und Komplikationen oftmals vorprogrammiert sind. Vor allem Psychopharmaka kommen in deutschen Pflegeheimen sehr oft zum Einsatz. In vielen Fällen steht die Menge an verabreichten Medikamenten in keinem Verhältnis zum Krankheitsbild. Ärzte und auch Pfleger müssten hier viel kritischer agieren, um die Betroffenen besser zu schützen.

Schwer kalkulierbare Folgen

Die Tatsache, dass die Folgen der zeitgleichen und hohen Medikamenteneinnahme meist nicht abgesehen werden können, macht die Situation erst richtig gefährlich. Anstatt einen positiven Effekt zu erzielen, werden die Betroffenen durch die regelmäßige Misch-Einnahme erst recht in ein gesundheitliches Aus manövriert. Es ist keine Seltenheit, dass vier Medikamente in Kombination heftige Nebenwirkungen verursachen und man zur Behandlung der Nebenwirkungen ein fünftes einsetzt. Anstatt also eine defensivere Richtung einzuschlagen, bekämpft man lieber Übel mit Übel. Hier muss ein Umdenken stattfinden und auch die Krankheitsbeurteilung muss von ärztlicher Seite aus individueller, zeitintensiver und detaillierter erfolgen. Doch auch die Betroffenen selbst können mithelfen, an der Situation etwas zu ändern. Vor allem beim häufigen Arztwechsel ist Vorsicht geboten, da hier bei der Medikamentenvergabe die meisten Fehler gemacht werden. Der Medikationsplan der Vergangenheit sollte in solch einem Fall immer an den neuen Arzt herangetragen werden.

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©Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Verschlechterung des Denkvermögens

Die plötzliche und schlagartige Verschlechterung des Denkvermögens löst speziell in den späteren Lebensphasen Besorgnis aus. Doch wenn die spontane Selbstdiagnose einem das Wort Alzheimer in den Kopf treiben lässt, kann der Arzt meist kurze Zeit später bereits Entwarnung geben. Nur die wenigsten wissen, dass auch Medikamente eine Beeinträchtigung und Verschlechterung des Denkvermögens mit sich bringen. Speziell bei Polypharmazie-Patienten ist die Wahrscheinlichkeit für solche Nebenwirkungen erhöht.

Sogar eine Faustformel lässt sich dabei aus medizinischer Sicht zusammenfassen. So kann man sagen, dass alle Medikamente, die ihre Wirkung im Gehirn freisetzen, in Verbindung mit Kognitions- oder Verwirrtheitsnebenwirkungen stehen. Auch das Sturzrisiko kann bei regelmäßiger Einnahme solcher Medikamente eine erhöhte Ausrichtung haben. Da Medikamente bei vielen Betroffenen jedoch schon über einen langen Zeitraum zum alltäglichen Geschehen gehören, werden diese Fakten oftmals nicht berücksichtigt und letztendlich fehlgedeutet. Vor allem Psychopharmaka, Parkinsonmedikamente, Antidepressiva, sowie Opiate und Antiepileptika kommen verstärkt mit solchen Nebenwirkungen daher. Bei ersten Symptomen ist es empfehlenswert, einen Arzt zu Rate zu ziehen.

Ein Beispiel aus dem realen Leben

Um eine hervorragende Qualität auch flächendeckend und vor allem gleichbleibend zu gewährleisten, setzt der Mensch verstärkt auf den Einsatz von Normen. Nur wenn Regeln, Abfolgen, Inhalte und Herangehensweisen überall identisch praktiziert und ausgeführt werden, kann man von einer flächendeckenden Qualität sprechen. Diese Normen sieht man überall– egal, ob bei Schutzkleidung, Verkehrsregeln oder auch unseren Gesetzen. Dementsprechend wundert es kaum jemanden, dass auch in der Medizin anhand von Leitlinien entschieden wird, die genau diese Qualitätsgleichstellung beinhalten und fokussieren. Dass man trotz dieser Standardisierungen manchmal dennoch eigenständig um ein paar Ecken denken sollte, zeigt der Fall von Frau Meyer, die anonym bleiben möchte:

Sie wurde im Alter von 78 Jahren nach einer Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen und suchte daraufhin ihren Hausarzt auf. Um eine zielführende Nachbehandlung zu gewährleisten, stellte der Hausarzt den vorgeschriebenen Medikationsplan zusammen und musste währenddessen eine unglaubliche Feststellung machen. Anhand des Krankenhausberichtes hat Frau Meyer tagtäglich rund 21 Pillen nehmen müssen – insgesamt waren es 14 verschiedene Medikamente. Zwar ging aus dieser Aufenthaltshistorie ebenfalls hervor, dass all diese verschriebenen Wirkstoffe einen Zweck hatten und auch laut Leitlinie sinngemäß waren, jedoch sollte dieser Zustand keineswegs einfach so akzeptiert werden.

Fazit

Mag sein, dass Polypharmazie im Alter auch durch die den Ärzten auferlegten Leitlinien verursacht wird. Doch das Problem der Leitlinien ist, dass nicht ausreichend hinterfragt wird. Es wird anhand fester Parameter gehandelt, die jedoch kein „Lesen zwischen den Zeilen“ zulassen. Keine Leitlinie und auch kein Computer-Algorithmus kann erkennen, was die zeitgleiche Kombination aus 14 verschiedenen Wirkstoffen mit dem Körper anrichtet. Man weiß einfach noch zu wenig über das Zusammenspiel so vieler Medikamente, als dass man dies einfach so durchwinken könnte. Hier muss ebenfalls ein kritischerer und individuellerer Blick zur Tagesordnung gehören. Um die 25.000 Todesfälle werden in Deutschland der Medikamentenreaktion und -interaktion zugeschrieben. Pass auf dich auf...