Autor : Stephanie
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Alt und gebrechlich war gestern – heute dominieren aktive Senioren eine eigene Buchsparte

Der schwedische Journalist und Autor Jonas Jonasson hat mit seinem Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ einen Bestseller geschaffen. Bis Juni 2014 wurde das Buch weltweit mehr als sechs Millionen Mal verkauft – und in 35 Sprachen übersetzt. Der Protagonist Allan Karlsson im Pflegeheim steigt aus Überdruss um die geplante große Feier seines 100. Geburtstags aus dem Fenster und flieht nach einem Mord an einem jungen Drogenhändler und Verfolgungsjagden mit der Polizei mit einem Koffer voller Geld nach Bali. Nebenbei wird auch seine Lebensgeschichte erzählt, eine Lebensgeschichte, die durch viele überraschende Zufälle viele Ereignisse des politischen Weltgeschehens streift.
Nun ist Allan Karlsson wieder zurückgekehrt in dem Roman „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“. Dabei hat der Protagonist Karlsson genug vom Dauerurlaub auf Bali und landet auf einem Schiff des nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong Un, der im Atomstreit mit Südkorea mal wieder seine Muskeln spielen lässt. Klar, dass er auch auf US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft – mit ungeahnten Folgen, versteht sich!

Betagte Protagonisten in der Literatur

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Das Bild der betagten Protagonisten in der Literatur hat sich stark gewandelt. Das zeigt gerade Jonas Jonassons Werk über den Hundertjährigen. Es präsentiert auf atemberaubende und skurrile Weise, was alte Menschen uns erzählen können. Wer schon einmal mit älteren Menschen gesprochen hat, weiß um den reichen Erfahrungsschatz ihres langen Lebens. Alte und Betagte als Protagonisten in der Literatur? Das ist zwar kein neues Thema – doch ist die Literatur ein Spiegel für den Zeitgeist und der stellt die älteren und erfahreneren Menschen immer stärker in den Fokus, weil sie spannende Geschichten zu erzählen haben oder sich tiefgreifende Gedanken um die menschliche Existenz gemacht haben. Sie sind dabei alles andere als uncool. Ganz im Gegenteil! Sie zeigen manchem Jungspund und jung gebliebenen Midlife-Crisis-geplagten Hipster, was in einem einzigen Leben alles möglich ist. Und es dürfte in Deutschland keinen geben, der nicht ältere Menschen kennt, die etwa noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben oder das System der ehemaligen DDR.

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Kritik an der neuen Rolle der Senioren in der Literatur

Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT bezeichnet den lustigen Seniorenroman sogar als neues literarisches Unterhaltungsgenre und meint, dieser Trend sei um 2009 entstanden sei, eben als der Hundertjährige solche Furore machte und negativer Literatur über Pflegenotstand und Menschen auf dem Abstellgleis etwas Humoristisches entgegensetzte. Sie bemängelt aber auch, dass dieses neue Genre etwas Diskriminierendes habe, da sie Senioren manchmal etwas dümmlich darstellt und angelehnt an Schulbubenstreiche unwahrscheinliche und platte Witze kreiere. Die Kritik im O-Ton: „Das Merkwürdige am Genre des Seniorenromans ist nämlich, dass es sich am Modell des Jugendromans orientiert. Deshalb bewegt sich die Lustigkeit, mit der die Altersliga 70 plus ausgestattet wird, auch meist auf dem Niveau von Schulbubenstreichen. Und hier wird die Sache unangenehm. Diese pseudojugendliche Lustigkeit besitzt nicht nur eine Schlagseite ins Dümmliche, sie hat auch etwas Diskriminierendes.“
In dieselbe Bresche springt das Magazin DER SPIEGEL in einem Artikel zum selben Thema. Er moniert platte Witze und Schönfärberei der neuen Literatur rund um das Alter: „Hier wird derart offensichtlich etwas schöngeredet, dass selbst, wer bislang keine Angst vor dem Alter hatte, skeptisch werden muss. Es scheint in Wahrheit doch alles viel schlimmer, als man dachte. Der betont das Heitere, Positive im Blick habende Unterton Virginia Ironsides erinnert mitunter an eine sehr amateurhaft gemachte Gehirnwäsche - man muss schon unglücklich sein, um den Trost eines derart plumpen Aufmunterungswerkes schätzen zu lernen – die Rede ist von dem Roman „Nein! Ich geh nicht zum Seniorentreff!" Doch gibt es auch Literatur, die bessere Noten erhält wie etwa Jane Millers „Die magischen Jahre“. Im Gegensatz zu Virginia Ironside gehe Miller offen mit ihrem eigenen Alter um (sie ist 1932 geboren). Es sei ihr ein ehrliches wie wohldurchdachtes Buch gelungen, „lebendig und spannend, wie es das wirkliche Leben sein kann, wenn eine Autorin in ihrer Schilderung die richtigen Schwerpunkte setzt“. In dem Werk werden humorvoll Entwicklungen beschrieben wie etwa ihr völlig erloschenes Interesse an der eigenen Sexualität, Reflektionen über das Ende des Lebens sowie Mails, in denen ihr Penisverlängerungen angeboten werden. Sie zitiert den russischen Schriftsteller Turgenjew: „Ist ein altes Ding, der Tod, und doch für jeden neu.“ Spiegel-Urteil: „Das mag ernsthafter sein, als der Großteil dessen, was in anderen Büchern zum Thema Alter steht – in seiner Gelassenheit ist es tröstlicher, als jeder schale Witz.“

Wie es bisher war: Berühmte ältere Protagonisten in der Weltliteratur

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Das Bild des Alters in der Literatur hat sich stark gewandelt. Das zeigt ein Blick auf Klassiker. Für sein letztes Werk, den Roman „Der alte Mann und das Meer“, erhielt Ernest Hemingway den Literatur-Nobelpreis und damit die höchste Auszeichnung in der Literatur überhaupt. Ebenfalls berühmt sind weise alte Männer, Zauberer, wie Merlin oder Gandalf, alle aber mindestens im 8. Lebensjahrhundert stehend und damit unerreichbar und Utopie. Betagt sind auch Figuren wie Papa Schlumpf oder die Witwe Bolte aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“. Anders als die modernen Protagonisten wirken sie aber eher gebrechlich und alt, schwach und vom Leben gezeichnet. Ganz anders als in der modernen Literatur, in denen die Protagonisten das Rentenalter erreichen oder längst überschritten haben und als Rebellen gegen das System beschrieben werden.

Was Senioren so interessant für Autoren macht

Senioren haben ein überaus komisches Potenzial. Das macht sie für Autoren auch so interessant. Sie können wahnsinnig nerven oder die Rettung sein, weil sie Ruhe und Erfahrung ausstrahlen. Sie können Silver Surfer sein oder Ewiggestrige, sie können ihr Leben zu jedem noch so ungeeigneten Anlass ausbreiten oder geheimnisvolle Schweiger sein. Ihr Leben mag sie klug gemacht haben, weise oder verbittert bis zum Starrsinn. Alte Menschen haben ein großes Konfliktpotenzial, haben ihre Erfahrungen gemacht in einer fremden Zeit und stellen damit die jüngeren Charaktere infrage. Vor allem aber haben sie auch ihre Schwächen. Von Zipperlein bis hin zu handfesten körperlichen Einschränkungen oder auch geistigen Macken. So muss etwa ein dementer Professor im Buch „Der Professor“ (John Katzenbach) kämpfen – gegen das Vergessen und dafür, dass man ihm glaubt, dass er einen Mord beobachtet hat.
Gebrechlichkeit muss aber nicht nur von Nachteil sein. Unterschätzt zu werden, wird etwa in dem Buch vom „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von enormem Vorteil. In „Piraten der Nacht“ findet ein von Albträumen geplagter Elfjähriger heraus, dass seine Großmutter magische Kräfte hat. In „Nachtzug nach Lissabon“ steigt ein älterer Lehrer einfach aus seinem immer gleichen Leben aus und fährt spontan nach Lissabon – eine umwerfende Geschichte.

Viel mehr als nur Klamauk

Dass die Literatur aber weit mehr zu bieten hat, als nur Klamauk mit älteren Herrschaften, zeigen viele weitere Titel wie etwa „Das Ende ist mein Anfang“ (Tiziano Terzani), in dem ein Vater und ein Sohn über die große Reise des Lebens sprechen oder in „Das Leben wortwörtlich“, in dem Jakob Augstein mit seinem Vater Martin Walser über eine nie gelebte Vater-Sohn-Beziehung und die Gründe dafür spricht. Klappentext: „Du bist mein Vater. – Ein Umstand, der mich mit Freude erfüllt. – als ich ein Kind war, wusste ich das nicht. Und du vielleicht auch nicht. Ich war beinahe vierzig, als wir uns das erste Mal begegnet sind, du beinahe achtzig Jahre alt. – Ja, Jakob, wir waren beide zu alt.“ Es sind Geschichten vom Schweigen und vom Aufdecken, von wohlgehüteten Geheimnissen und großen Gefühlen, die neugierig machen und das Herz ansprechen. Anders als in Liebesgeschichten und Hollywoodproduktionen, endet die Geschichte nicht mit der Traumhochzeit, sie erzählt von den Jahrzehnten danach und dem Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens. Es sind immer großartige Geschichten, wenn alte Protagonisten im Spiel sind. Das macht Lust auf mehr, sofern sich die Autoren die durchaus nachvollziehbaren Kritikpunkte zu Herzen nehmen.