Rückenschmerzen als Zivilisationskrankheit? Oder: kann Sport meiner Bandscheibe helfen?

Viele von uns kennen das. Ich wache morgens auf spüre ihn sofort: Den Schmerz im Rücken. Mühsam schleppe ich mich dann ins Bad. Duschen wird unmöglich und anziehen geht nur in Zeitlupe und unter großen Schmerzen. Am Arztbesuch führt an solchen Tagen kein Weg vorbei. Und wenn es nur starke Schmerzmittel sind, die er verschreibt. Kurzfristige Linderung.

MRT schafft Klarheit

Bei meiner Hausärztin angekommen lege ich mich unter großen Schmerzen auf die Pritsche. Frau Doktor bittet mich die Beine anzuwinkeln. Das geht kaum. Sie dreht mich nach links, nach rechts und tastet meine Wirbelsäule ab. „Da sieht nach einem Bandscheibenvorfall aus, aber sicher kann man da nur sein, nach dem wir ein MRT gemacht haben“.

Ein Bandscheibenvorfall? Was ist das eigentlich?

Die Röhre macht Angst. Und mindestens 45 Minuten ruhig zu liegen ist fast nicht zu schaffen, denke ich. Doch es geht gut. Mit der DVD in der Hand, auf der die MRT-Bilder gespeichert sind, gehe ich am nächsten Tag zum Orthopäden. Dieser diagnostiziert tatsächlich eine verrutsche Bandscheibe. Medizinisch korrekt redet man von einem „Bandscheibenprolaps“. Die starken Schmerzen bei einem Bandscheibenvorfall entstehen, wenn die verrutschte Bandscheibe gegen einzelne Nervenwurzeln, das Rückenmark oder die Nervenfaserbündel in der Lendenwirbelsäule drückt. Ist die Bandscheibe zwischen dem fünften Lendenwirbel und dem Steißbein betroffen, drückt die verrutschte Bandscheibe oft auf den Ischiasnerv. Diesen akuten, starken Rückenschmerz nennt man auch „Hexenschuss“. Hat man so wie ich, diesen „Hexenschuss“ öfter (Mediziner sprechen vom „Lumbago“) ist meistens eine Fehlbelastung oder Überbelastung der Grund. Häufiges Heben und Tragen zu schwerer Lasten, einseitige Körperhaltung (eine sitzende Tätigkeit), Bewegungsmangel, aber auch der falsche Sport oder die Übertreibung beim Sport kann die Ursache sein.

Kurzfristige Lösungen für Bandscheibenvorfälle

Der Orthopäde erklärt mir, zuerst müsse die Entzündung abklingen. Dafür gibt es Medikamente. Den Stützgürtel, alternativ heißt das auch Rückenbandage, den der Arzt verschreibt und die der Patient trägt wie ein Korsett, finde ich albern. Doch im Rückblick muss ich sagen, er hilft. Denn das Korsett erhöht die Beweglichkeit in der Schmerzphase und hat psychologisch den Effekt, dass man beim Bewegen weniger aus lauter Angst vor Schmerzen verkrampft und sich am Ende mehr bewegt. Der Arzt bezeichnet seinen Therapieansatz als Dreischritt: „Stabilisieren, Mobilisieren, Aktivieren“. Das Ziel ist sportliche Betätigung. Denn langfristig helfe hier nur Bewegung und Sport. So schnell ich es schaffe, aber unbedingt dann, wenn die Schmerzen weniger werden, solle ich mich mehr bewegen.

Sport? Ernsthaft! Ich kann mich kaum rühren. Sportliche Übungen in meinem Zustand? Wie soll das gehen?  
Im Bett zu bleiben ist Gift! Auch wenn das gegen jeglichen Impuls der Schmerzvermeidung geht, den man bei Rückenschmerzen hat. Sich bewegen ist der Schlüssel zur Besserung.

Nach dem Bandscheibenvorfall ist vor dem Bandscheibenvorfall - ein Teufelskreis?

Nicht mit den richtigen Übungen. Denn natürlich gibt es besonders für die erste  Zeit nach einem Bandscheibenvorfall spezielle Übungen, die zumindest anfänglich unter Anleitung eines Physiotherapeuten gemacht werden sollten. Solche Therapiestunden verschreiben die Orthopäden in der Regel auch. Natürlich sollen wir diese Übungen auch zur Vorbeugung des nächsten Bandscheibenvorfalls machen.

Krankengymnastik nach dem Bandscheibenvorfall

Ein guter Physiotherapeut ist Gold wert. Deshalb sollte man sich nicht scheuen auch den Therapeuten zu wechseln, wenn man merkt, die Therapie zeigt keine Wirkung. Das ist zwar mit einigem bürokratischen Aufwand verbunden und dieser unterscheidet sich von Krankenkasse zu Krankenkasse (Einzelheiten sind auch hier auf den Webseiten der diversen Krankenkasse zu finden), aber eine schnellere Genesung sollte diesen Aufwand wert sein.

Meiner Erfahrung nach ist es aber nicht nur wichtig, dass der Therapeut seinen Job kann. Logistische Aspekte sollten nicht missachtet werden: Denn wenn man erst durch die halbe Stadt fahren muss um den Physiotherapeuten zu treffen oder es so schwierig ist Behandlungstermine zu bekommen, dass man diese über Monate verteilen muss, hat das ganze wenig Sinn. Denn dann - meiner Erfahrung nach - wird die Reha nach dem Bandscheibenvorfall dann selten zu Ende geführt.  

Gute Übungsanleitungen und weitere Informationen finden wir leicht auf den Webseiten der Krankenkassen. Die AOK nennt ihr Trainingsprogramm „Rückenkonzept". Die DAK - so die Information auf „DAK.de“, „beteiligt sich an Kosten für qualitätsgeprüfte Kurse zur Rückengesundheit“. Die Liste der Angebote bei den diversen Krankenkassen ist lang, denn Rückenprobleme sind nicht nur in Deutschland zu einer Art „Volkskrankheit“ geworden. Laut Gesundheitsreport der DAK des Jahres 2017, haben drei Viertel aller Berufstätigen in Deutschland unter Rückenschmerzen gelitten. Grundsätzlich gilt Sport als Gegenmittel. Aber nicht alle Übungen sind gleich gut geeignet für die sportliche Betätigung nach einem Bandscheibenvorfall.

Yoga?

Das überrascht, da mehrere große Studien (wie zum Beispiel die von der international anerkannten US-Gesundheitsbehörde National Institutes of Health (NIH) sagen, dass vor allem bei moderaten und mittelschweren Formen von Bandscheibenproblemen Yoga effektiv sein kann. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich in einer Zeit, als ich Yoga regelmäßig, genauer, einmal die Woche, betrieben habe, keine Rückenprobleme hatte. Allerdings habe ich mich damals - eben aus Angst vor Rückenschmerzen - ganz vorsichtig an Yoga herangetastet und habe immer sofort eine Übung abgebrochen, wenn ich mich unwohl dabei fühlte oder auch nur einen Anflug von Schmerzen verspürte. Natürlich ist diese Einstellung für alle Arten von Sport, vor allem im fortgeschrittenen Alter, eine gute und gesunde eiserne Regel.

Schwimmen?

Auch Schwimmen hilft. Das hat eine Reihe von Gründen. Grundsätzlich nimmt das „Schweben“ auf dem Wasser den Druck von der Wirbelsäule.  Und Schwimmen stärkt die Bauchmuskulatur. Starke Bauchmuskeln entlasten die Wirbelsäule. Allerdings sollten wir in Bezug auf die diversen Schwimmstile sehr wählerisch sein. Brustschwimmen erhöht den Druck auf den unteren Rücken, genauer die Lendenwirbelsäule (LWS). Kraulen - durch die Kopfdrehungen - kann vor allem bei Ungeübten die Halswirbelsäule (HWS) belasten. Verspannungen strahlen von dort oft auf den gesamten Rücken aus. Der beste Schwimmstil bei Rückenproblemen oder nach einem Bandscheibenvorfall ist tatsächlich das Rückenschwimmen.  

Walking?

Nordic Walking - das zügige Gehen mit zwei Stöcken, wobei sich Arme und Beine idealerweise im Gegenrhythmus bewegen  -  ist vor allem für Sportanfänger und besonders für ältere Menschen geeignet. Der Bewegungsablauf hier ist gelenkschonend und hilft besonders dem Rücken: Denn der Stockeinsatz führt zu einer sanften und gleichmäßigen Rotationen im Beckenbereich. Das führt dazu, dass die Bandscheiben vermehrt Wasser einlagern, ihr Volumen vergrößert sich und das wiederum erhöht ihre Festigkeit und Elastizität. Doch Nordic-Walking hat noch mehr Gutes für den Rücken zu bieten. Denn beim Walking mit den Stöcken werden auch die Bauch- und Rückenmuskeln kräftiger. Je besser diese beiden Muskelgruppen ausgebildet sind, desto stabiler und „verrutschsicherer" ist die Lendenwirbelsäule (LWS).

Radfahren?

Ob Radfahren, wie es mein Orthopäde empfohlen hat, langfristig bei Rückenschmerzen hilft, hängt stark von der richtigen Sitzposition und Sitzhaltung auf dem Rad ab. Das erfordert dringend ein Rad, das von der Größe zum Fahrer passt und bei dem Sattel und Lenker anatomisch korrekt eingestellt sind. Hier dürfen wir gerne einen Fachmann aus dem Radgeschäft einbeziehen. Nur mit richtiger Position und Haltung auf dem Rad, werden Fehlbelastungen und Verspannungen - vor allem in Nacken und Schultern - die wiederum zu Rückenschmerzen führen, langfristig vermieden. Radfahren und Nordic-Walking haben noch einen rückenschonenden Zusatzeffekt: Sie verbrennen recht viele Kalorien und helfen so Pfunde zu verlieren. Jede Wirbelsäule freut sich über weniger Gewicht, das sie staucht, also praktisch nach unten drückt. Übergewicht ist ein oft übersehener Risikofaktor bei Rückenproblemen.

Pilates?

Auch Pilates wird bei Rückenschmerzen empfohlen. Am besten ist es wohl für ziemlich sportliche Menschen geeignet. Denn wer diese Form der Übungen für die Zeit nach einem Bandscheibenvorfall mal ausprobiert hat, weiß, dass sie weniger geeignet sind für Sportanfänger. Denn Pilates ist schlichtweg, vor allem am Anfang, recht anstrengend und kann Menschen, die sich erst wieder an Sport gewöhnen müssen oder damit erst beginnen, schnell frustrieren. Aber: Pilates - sein Namensgeber war übrigens der Deutsche Joseph Hubertus Pilates, der mit dem anspruchsvollen Ganzkörpertraining in den 1920er Jahren einst Balletttänzer in New York trainierte - konzentriert sich sehr auf Rumpfmuskulatur und Bauchmuskulatur. Starke Muskeln in diesen Bereichen verbessern die allgemeine Körperhaltung, entlasten die Lendenwirbelsäule (LWS) und so bleibt der Rücken auch langfristig gesund und schmerzfrei.

Fazit

Welcher Sport ist bandscheibenfreundlich? Sicher scheint, dass Sportarten mit runden und fließenden Bewegungen (z.B. Radfahren, Schwimmen) von Vorteil sind. Von Sport mit ruckartigen Bewegungen (z.B. Fußball, Tennis) ist eher abzuraten. Mein Orthopäde rät vor allem zu Radfahren und Schwimmen. Vom Yoga rät der Orthopäde ab.

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