Die Filme der 20er

In den 1920er Jahren entstand ein Kunstgenre, welches bis heute zu einer der bedeutendsten Medienindustrien zählt: Der Film. Die rasche Erfolgsgeschichte ist dabei nicht ungewöhnlich, sondern ganz im Geiste ihrer Zeit. Denn die Menschen der 20er Jahre waren begierig auf neue Errungenschaften, wie kaum in einer Epoche zuvor. Dazu hatte die Welt in den vergangenen Jahrzehnten einige Rückschläge zu verzeichnen. Der gesamte zeitliche Kontext ließ Filme entstehen, die historisch betrachtet auch heute noch einen Blick wert sind.

Der zeitliche Kontext

1912 sank die als unsinkbar geltende Titanic und zerstörte den Traum vom Sieg neuer Technologie. Die Jahre 1914 bis 1918 stürzten die Welt in den ersten Weltkrieg, an dem Zivilisten litten. Es folgten Jahre des Hungers und Wiederaufbaus. Man mag leicht verstehen, dass gerade in dieser Zeit die „Vergnügungskultur“ eine Art Hochsaison feierte. Revues und Theater konnten nicht über mangelnde Besucher klagen. In vielen Großstädten stehen die 20er Jahre als Inbegriff eines neuen „lasterhaften“ Lebens. In genau dieser Zeit werden die Errungenschaften „bewegter Bilder“ vorangetrieben. Zu dieser Zeit waren bereits Kurzfilme und Slapstick-Komödien bei einem breiten Publikum sehr beliebt.

Die Stars der Zeit

Charlie Chaplin, der mit Kurzfilmen schon großen Erfolg hatte, drehte 1921 mit The Kid seinen ersten abendfüllenden Film. Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harry Langdon gelten bis heute als Stars der Stummfilm-Ära. Auch Frauen fallen schnell in die Rolle von beliebten Stars: Greta Garbo, Pola Negri und Theda Bara zählen zu den ersten „Filmdiven“ ihrer Zeit. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein später geführtes Interview mit Theda Bara, in welchem sie von den Problemen der Stummfilme berichtet. Die Filme der 20er Jahre verfügten über keine „Tonspur“ ... daher der Name „Stummfilm“. Dies stellte Schauspieler der damaligen Zeit vor ein Problem. Theda Bara berichtet, dass es für Theaterschauspieler eine Herausforderung gewesen sei, Dialoge und Situationen rein „pantomimisch“ darzustellen. Alles musste mit Mimik und Gestik transportiert werden. Bei der Vorführung dieser Filme wurden oftmals kurze Texte eingeblendet und die Dialoge oder Situationen näher beschreiben. Ferner waren bei Filmvorführungen oft Musiker beschäftigt, die den Film auf einem Klavier oder einer Geige musikalisch unterlegten.

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©Bild von Oberholster Venita/Pixabay auf Alterix
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Das Erbe der 20er

Trotz dieser Probleme gelang Theda Bara der Durchbruch in Hollywood und sie galt als eine der ersten „Hollywood-Sex-Göttinnen“ – ein Rang, der heutzutage sicherlich nicht zeitgemäß ist, sich aber über viele Jahre in der Form durchaus weitervererbt hat. Auch heute noch schwärmen wir von Filmstars und nicht selten gehören diese zur „High Society“. Dieser Trend wurde quasi in den 1920er Jahren geboren. Von den Schauspielerinnen der 20er Jahre kennen wir heute nur noch wenige Namen. Greta Garbo sollte jedoch auch heute noch den meisten Filmfans ein Begriff sein. Bei Theda Bara, der einstigen Filmdiva, wird dieser Begriff schon dunkler. Ganz ähnlich ist es bei den Schauspielern der 20er Jahre: Buster Keaton und Charlie Chaplin mögen dabei die große Ausnahme sein – dies allerdings nicht zuletzt deswegen, weil die Filme, in denen die beiden mitwirken, über kommende Jahrzehnte immer wieder vorgeführt wurden. Die in den 20er Jahren gedrehten Slapstick-Komödien mit Buster Keaton wurden noch in den 70er Jahren im Fernsehen unter dem Namen Väter der Klamotte regelmäßig gezeigt. Auch viele der Chaplin-Filme sind heute noch bekannt und genießen bei Fans Kultstatus... Wenngleich viele dieser Werke nicht nur aus den 20er Jahren stammen, sondern erst ein Jahrzehnt später gedreht wurden.

Die verschiedenen 20er Jahre Filme

Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 teilte die Filmindustrie und es war im Deutschland der 20er Jahre kaum möglich, sich eine der Hollywood-Produktionen anzusehen. In Deutschland übernahm die UFA die Rolle Hollywoods und produzierte Filme für das deutsche Publikum. Dabei gelang es Fritz Lang, zwei Filme zu schaffen, die bis heute von großem Wert sind. Allem voran der 1927 gedrehten Film Metropolis ist hier zu nennen, der auch heute noch bei Science-Fiction-Fans zu den ungeschlagenen Klassikern gehört und es in das UNESCO-Weltkulturerbe geschafft hat. Der Film gilt inzwischen als „Public Domain“ und kann in ganzer Länge auf dem Streaming-Dienst YouTube angeschaut werden:

https://www.youtube.com/watch?v=-I9FD21k7Cs&t=952s

Metropolis zeichnet dabei ein systolisches Bild einer möglichen Zukunft mit einer geteilten Gesellschaft: Ein Modell, welches in der Nachkriegszeit viele Betrachter selbstverständlich zum Nachdenken anregt und auch in der Form nicht in einem Theater aufgeführt wurde.

Kleiner Schwenk in die 30er

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©Bild von Felix Wolf/Pixabay auf Alterix

Der zweite Fritz-Lang Film, der es zu einem Weltruhm gebracht hat, ist der erst 1931 gedrehte Tonfilm M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Hier geht es um einen Kindermörder, der von der Gesellschaft ausgestoßen und gejagt wird. Wenngleich der Film als solcher weit weniger bekannt ist als Metropolis, so finden wir die Geschichte von M inzwischen adaptiert in vielen Büchern, anderen Filmen und auch Theaterstücken. Vor wenigen Jahren adaptierte Katharina Torwesten den Film von Fritz Lang als Tanztheater für das Schleswig-Holsteinische Landestheater und feierte schon bei der Premiere einen großen Erfolg. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass das von Lang gezeichnete düstere Bild an Aktualität nicht verloren hat.

Empfehlungen für Stummfilme

Da sich solche Stummfilmklassiker tatsächlich kaum „zufällig“ im Abendprogramm entdecken lassen, möchten wir einige Stummfilme empfehlen, die man sich ohne Probleme und kostenlos in voller Länge auf YouTube anschauen kann, und die gleichzeitig zu den großen Erfolgen ihrer Zeit zählen:

  • The Unchastened Woman (1925)
  • Intoleranz (1916)
  • Passion of Jeanne D‘Arc (1928)
  • Panzerkreuzer Potemkin (1925)

Die Filme vermitteln nicht nur die erzählte Geschichte, sondern auch die Herausforderung ihrer Produktion, welche sich schon damals maßgeblich von Produktionen von Bühne und Theater unterschieden hat. Mit dem Film konnte man den Spielort gänzlich von einer Theaterbühne lösen. Gleichzeitig verzichtete man beim Stummfilm auf den im Theater bis heute starken Dialog der Sprache. In den genannten Beispielen ist dieser Spagat ganz gut gelungen und rechtfertigt den Stummfilm durchaus als „Kunstmedium“. Ein Anspruch, den heute nun wirklich nicht jede „Hollywoodproduktion“ erheben kann.

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©Bild von Jo-B/Pixabay auf Alterix

Bedeutung der 20er Jahre Filme

Auch wenn der Film tatsächlich erst in den 30ern als Tonfilm entstand, spiegelt er doch das Potential seiner stummen Vorgänger wider. Aus kunstkritischer Sicht kann man diesen „Klassiker-Anspruch“ durchaus auf die Literatur übertragen. Bei literarischen Klassikern merkt man, ganz genau wie bei Filmen der 20er Jahre, dass sie für ein anderes Publikum entworfen sind. Heute produzierte Filme oder geschriebene Bücher sind insgesamt „kurzlebiger“. Ob dies nun für oder gegen die Branche spricht, soll hier nicht beurteilt werden. Dabei wurden die Filme der 20er Jahre für ein weitaus kleineres Publikum produziert, als es heute der Fall ist. Fernseher gab es nicht und auch Kinos oder „Lichtspieltheater“ waren noch lange nicht in jedem Ort vorhanden. Oftmals reisten Filmvorführer mit einer Filmrolle und einem Projektor durch die Städte und Dörfer und führten die Filme in Sälen von Gaststätten oder anderen Veranstaltungsorten auf. Diese Tradition setzte sich bis weit in die 50er Jahre fort und endete praktisch erst mit der Einführung von Fernsehgeräten. In größeren Städten richtete mal allerdings schon vorher feste „Lichtspieltheater“ (Kinos) ein. In Deutschland gewannen diese Lichtspielhäuser insbesondere in den 30er Jahren an Bedeutung, als die Nazis die Lichtspielhäuser für die wöchentliche Propagandasendung „Deutsche Wochenschau“ benutzten, um Nachrichten/Propaganda über den Kriegsverlauf zu verbreiten. Bis heute sind Kinos aus dem „Kulturprogramm“ vieler Städte und Gemeinden nicht wegzudenken, wenngleich reguläre Theater oder Schauspielhäuser unter dieser Entwicklung leiden. Auch wenn sich die heute produzierten „Blockbuster“ kaum mit den Filmen der 20er vergleichen lassen, so kann man das 1936 geführte Radiointerview mit der einstigen Filmdiva Theda Bara fast als Plädoyer für Theater verstehen. Das kurze Interview (in englischer Sprache) ist in einem YouTube-Film über Theda Bara enthalten:

https://www.youtube.com/watch?v=rjbzCcAzSSo

Vergleich mit modernen Werken

Den Filmklassikern der 20er Jahre haften ein Charme und eine Botschaft an, die man heutzutage eher an ein reguläres Theater knüpfen könnte als an moderne Hollywood-Produktionen, in denen alles knallt und explodiert. Auch die Stars und Schauspielerinnen der 20er Jahre versprühen einen Charme, der sich absolut mit Filmgrößen heutiger Zeit messen kann. Filme der 20er Jahre wird man heute nur selten „zufällig“ im Fernsehen anschauen können – und schon gar nicht mehr im Kino. Einige dieser Klassiker lassen sich aber durch Lizenzfreigabe in Streaming-Diensten oder auf YouTube „ausgraben“. Solche Filme der 20er Jahre sind eine abendfüllende Alternative zum heutigen Fernsehprogramm – und das unter Umständen nicht nur für „Fans“ dieser Film-Ära. Die Filme von Fritz Lang und ebenso einige der alten Hollywood-Produktionen mit Theda Bara sind durchaus „sehenswerter“ als viele der neuen Filme oder die X-te Wiederholung von Wilsberg.
Doch über allem scheint der Aspekt der Kunst zu stehen, mit dem die Werke der 20er Jahre in Verbindung zu bringen sind. Dabei entwickelte sich der Kunstbegriff dieser Stummfilme – ganz ähnlich wie bei der klassischen Literatur – nicht zu dem Zeitpunkt ihrer Entstehung. Gemacht wurden die Filme, um eine Geschichte zu erzählen und um das Publikum zu unterhalten. Diese „Filmkunst“ unterscheidet sich also ganz maßgeblich von heute als solchen produzierten „Kunstfilmen“, die ihrer Rolle allein durch ihre aufgezwungene Verkrampftheit gar nicht gerecht werden. Was Kunst ist, entscheidet nämlich nicht der Künstler, respektive Produzent, sondern das Publikum – und das meist erst im Laufe vieler Jahre. Es mag sein, dass auch einige der heute produzierten Filme in einhundert Jahren als Kunst verstanden werden. Wir hoffen, dass wir unsere Zeit dabei dann ebenso edel und zeitlos vertreten, wie die Macher und Darsteller der Stummfilme.

Flammendes Plädoyer zum Abschluss

Abschließen kann man die Filme der 20er Jahre und auch deren „Stars“ nur loben: Sie entstanden in einer Zeit des Aufbruchs und der Neugier. Sie waren frei von politischer Propaganda und Manipulation. Der Charme der Schauspieler und Schauspielerinnen der 20er Jahre lebt durch deren „Liebe“ zum Schauspiel und ihren Rollen. Auch diese Motivation mag sich in den letzten einhundert Jahren bei vielen Stars geändert haben, handelt es sich heutzutage schließlich um eine Gelddruckmaschine im Falle von Hollywood.